Eine gerechte Gesellschaft – wie es gehen könnte

Eine gerechte Gesellschaft – wie es gehen könnte

Folge 4 stellt Menschen, Initiativen, Projekte und Unternehmen vor, die die gesellschaftliche Realität verändern möchten. Sie wollen es anders, besser und gerechter machen. Sie wollen etwas gegen die wachsende Kluft zwischen "Oben und Unten" setzen.

Deutschland ist ein reiches Land. Aber ist Deutschland auch ein gerechtes Land? Im gesellschaftlichen Miteinander gibt es viele Faktoren, die zumindest das Gefühl von Ungerechtigkeit verstärken. Knapp 80 Prozent der Deutschen meinen, dass es in der Bundesrepublik an sozialer Gerechtigkeit fehle. 40 Prozent finden in derselben Umfrage des Marktforschungsinstituts YouGov sogar, dass das Land "ein sehr großes Problem in diesem Bereich hat". Für ein Viertel ist es sogar das wichtigste Thema der Bundestagswahl.

Auch der ARD-Deutschlandtrend hat sich mit der Gerechtigkeitsfrage beschäftigt und im März 2017 Wahlberechtigte gefragt, wie gerecht sie die Gesellschaft empfingen. Am stärksten in der Kritik steht der Umfrage zufolge der Umgang der Gesellschaft mit den sozial Schwachen. Diesen bewerten 69 Prozent der Bürgern als eher ungerecht.

ARD-Deutschlandtrend: März 2017

Private Initiativen und Vereine für mehr Gerechtigkeit

Bildung, berufliche Entwicklung, der Lebensweg eines Menschen hängt mehr denn je von seiner Herkunft ab. Während statistisch betrachtet von 100 Akademikerkindern 75 nach der Schulzeit studieren, sind es unter den Arbeiterkindern nur 25. Aber es gibt immer mehr Initiativen und privates Engagement, die ihren Teil dazu beitragen, etwas gegen diese Chancen-Ungleichheit zu tun.

Akademiker der ersten Generation helfen

Arbeiterkind.de ist so ein Beispiel. Der Verein ermutigt Schüler aus Familien ohne Hochschulerfahrung als erste in ihrer Familie zu studieren. 6.000 Ehrenamtliche engagieren sich bundesweit in 75 lokalen ArbeiterKind.de-Gruppen, um junge Menschen über die Möglichkeit eines Studiums zu informieren und sie auf ihrem Weg vom Studieneinstieg bis zum erfolgreichen Studienabschluss und Berufseinstieg zu unterstützen. Die Ehrenamtlichen sind größtenteils selbst Studierende oder Akademiker der ersten Generation und berichten aus eigener Erfahrung über ihren Bildungsaufstieg und ermutigen so als Vorbild.

Bildung braucht Vorbilder

Eine solche Ehrenamtliche ist Prof. Dr. Monika Huesmann, die an der Hochschule für Wirtschaft und Recht lehrt und selbst aus einer Arbeiterfamilie stammt. "Meine Eltern haben mich immer unterstützt, aber sie konnten nicht einschätzen, wie wichtig Abitur oder Studium sein können. Mein Vater hat sich eher gefreut, wenn ich mein Fahrrad reparieren konnte als über eine 1 auf dem Zeugnis". Ohne wirkliche Vorbilder merke man erst später, was gute Bildung ausmache, so Monika Huesmann. "Kontakt zu Menschen, die einem neue Horizonte eröffnen, Kultur zeigen und Bildung vermitteln ist in Kindesjahren enorm wichtig", meint sie.

Förderung beginnt in der Grundschule

Genau diesen Ansatz verfolgt der Kölner Verein "Balu und Du". Grundschulkinder, die aus einfachen Verhältnissen kommen oder mehr Aufmerksamkeit benötigen, bekommen einen jungen "Paten", man trifft sich einmal pro Woche, geht in den Zoo, lernt gemeinsam, macht Sport und gestaltet die Freizeit aktiv gemeinsam. Der Verein arbeitet inzwischen bundesweit und hat sich ein großes Netzwerk in Kooperation mit vielen Grundschulen aufgebaut.

Bedingungsloses Grundeinkommen

Doch wie sieht es bei den Erwachsenen aus? Menschen, die vielleicht schon länger im aktiven Berufsleben gestanden haben und vielleicht arbeitslos geworden sind? Alleinerziehende Frauen, die sich um ihre Kinder kümmern müssen und nur schwer eine Arbeit finden? Gibt es Alternativen zu Hartz IV und Co.?

Das bedingungslose Grundeinkommen ist eine Idee, die immer wieder kontrovers diskutiert wird. Sie beinhaltet, dass alle Menschen – egal ob arbeitslos, angestellt oder in einer Führungsposition – eine gewisse Summe an Geld pro Monat bekommen, ohne dafür etwas zu tun – also auch ohne Bürokratie oder die Verpflichtung einen Job anzunehmen. Das klingt erst einmal verlockend, aber kann es nicht auch dazu führen, sich auf die faule Haut  zu legen?

Und wie soll das finanziert werden?

Finnland testet seit Anfang des Jahres dieses Modell mit 2000 zufällig ausgewählten Personen, die monatlich 560 Euro erhalten. Das Risiko, dass Einige dadurch den Anreiz auf Arbeit grundsätzlich verlieren würden, sehen Experten eher nicht. Vielmehr verweisen Armutsforscher wie Prof. Dr. Christoph Butterwegge von der Universität zu Köln auf ein anderes Problem: "Was soll daran fair sein, wenn der Milliardär dieselbe Summe ausgezahlt bekommt wie der Müllwerker? Besteuert man es dem Milliardär wieder weg, ist das Grundeinkommen nicht bedingungslos, sondern an die Bedingung geknüpft, dass keine anderen Einkommensquellen vorhanden sind. Gleiches sollte gleich und Ungleiches ungleich behandelt werden". Butterwegge ist der Meinung, dass man für mehr soziale Gerechtigkeit viel mehr einen starken Sozialstaat brauche, der Hilfebedürftige, aber nicht Wohlhabende und Reiche finanziell unterstützte.

Großer Test in Berlin

Ein Berliner Verein testet allerdings schon seit einer ganzen Weile das bedingungslose Grundeinkommen in Deutschland: "Mein Grundeinkommen" setzt auf Crowdfunding und will ein Grundeinkommen an möglichst viele zufällig ausgewählte Menschen vergeben, die sich zuvor im Internet registriert haben. So haben bereits mehr als 70.000 Spender immerhin 112 Grundeinkommen finanziert – pro Teilnehmer sind das 1.000 Euro pro Monat.

Alt hilft jung

Anderen zu einem guten Start in die Selbständigkeit verhelfen, das kann auch den sozialen Zusammenhalt stärken und fördert Lebenschancen. Junge Firmen – neudeutsch auch gern Start-Ups genannt – sprießen wie Pilze aus dem Boden. Doch nicht jeder verfügt über das betriebswirtschaftliche Know-how, um eine innovative und gute Idee erfolgreich zu einem Unternehmen umwandeln zu können.

Hier bietet die Initiative "Alt hilft Jung" Hilfe an: die sogenannten Wirtschaftssenioren (in anderen Teilen Deutschlands auch als Wirtschaftspaten aktiv) wollen in die Schieflage geratenen kleinen Unternehmen helfen. Die Ehrenamtler sind überwiegend ehemalige Führungskräfte und Manager aus großen Unternehmen, die inzwischen im Ruhestand sind. Sie stehen jungen Gründern bei, die sich keine Unternehmensberatung leisten können.

Einladung zum Kaffee: "suspended Coffee"

Suspended Coffee ist ein Projekt, das mittlerweile in mehreren Cafés im Ruhrgebiet angeboten wird. Ursprünglich kommt die Idee aus Italien, wo Kunden schon seit Jahrzehnten zwei Kaffee in einer Gaststätte kaufen können und den zweiten auf einem Zettel gutschreiben und diesen im Café platzieren können. Bedürftige für die ein Kaffee eher Luxus als Normalität ist, können sich diesen Gutschein nehmen und so wieder am gesellschaftlichen Leben teilnehmen.

Laura Kaldinski ist Foodbloggerin und hat das Projekt in NRW etabliert. Im Dortmunder Café Plus wird die Idee seit vielen Jahren erfolgreich praktiziert. "Für mich und viele andere tut es nicht weh, ein paar Euro mehr für einen Kaffee zu bezahlen und dabei jemand anderen etwas Gutes zu tun. Es geht dabei nicht um Almosen, sondern Menschen zu helfen, die gern wieder in der Öffentlichkeit essen und trinken würden, sich dies aber nicht leisten können".

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Stand: 20.09.2017, 14:00