Kandidatencheck: Bloß keine Floskeln

Kandidatencheck: Bloß keine Floskeln

Von Nina Giaramita

  • Der WDR-Kandidatencheck zur Bundestagswahl ist angelaufen.
  • Über 500 Kandidaten werden an dem Format teilnehmen.
  • Eine Schülergruppe aus Gladbeck hat sich die Produktionsbedingungen angeschaut.

Es ist eng, stickig und heiß in dem abgedunkeltem Raum. Das grelle Schweinwerferlicht richtet sich auf den Linken-Bundestagsabgeordneten Alexander Neu. Der Direktkandidat für den Wahlkreis Rhein-Sieg I will für seine Partei im Herbst wieder in den Bundestag einziehen. Deshalb sitzt er heute hier und stellt sich den Fragen des WDR-Teams für den Kandidatencheck zur Bundestagswahl.

Schüler beim Kandidatencheck

Alexander Neu stellt sich den Fragen

Insgesamt werden sich in den kommenden Wochen bis zu 600 Kandiaten – diejenigen, die in den Wahlkreisen in Nordrhein-Westfalen und über die jeweilige Landesliste der Parteien kandidieren – dem Fragenkatalog des WDR stellen. Jedem Kandidaten werden vier Minuten Zeit für die Antworten eingeräumt. Die Einstiegsfrage, die alle, auch Alexander Neu, zu hören bekommen, lautet : "Wenn Sie in den Bundestag gewählt werden, was ist Ihr wichtigstes Ziel für Nordrhein-Westfalen?"

Ernüchternde Erkenntnisse

Die Zeit läuft unerbittlich ab. Das zeigt eine große digitale Eieruhr zu Füßen der Kandidaten an. Das Frage-Antwort-Setting wird heute in dem kleinen Raum von ungewöhnlich vielen Zuschauern begleitet.

Aus Gladbeck sind rund 30 Schülerinnen und Schüler des dortigen Riesener-Gymnasiums angereist. Im Rahmen ihres Sozialwissenschaft-Unterrichts hatten die 16- bis 17-jährigen sich intensiv mit dem Kandidatencheck zur Landtagswahl befasst. Zwar sind bis auf einen alle noch nicht wahlberechtigt, aber die Schüler wollten trotzdem heraus finden, "wer der beste Kandidat für den Wahlkreis ist".

Vier von neun Kandidaten aus ihrem Wahlkreis (Recklinghausen III) hatten an dem Kandidatencheck teilgenommen. Die Schüler schauten sich alle an - und kamen zu der nüchternen Erkenntnis, "dass die Kandidaten einfach nur das jeweilige Parteiprogramm vorgelesen haben". Das Fazit: "Für die meisten war es unmöglich, sich im Falle einer Wahl für einen Politiker zu entscheiden."

Vier Minuten Zeit

Ihre Beobachtungen hatten die Schüler zusammen mit einer detaillierten Analyse des Online-Wahlformats zu Papier gebracht und an den WDR geschickt. Daraufhin folgte prompt eine Einladung nach Köln - um sich die Produktionsbedingungen einmal näher anzuschauen. So werden die Schüler Zeuge davon, wie Alexander Neu versucht, in vier Minuten seine politischen Botschaften unterzubringen. Er spricht unter anderem von Armut in NRW – und davon, dass er "dem Land auf die Beine helfen will". Kurz darauf ist die Zeit schon um.

Später stellt sich Alexander Neu noch den Fragen den Schüler. Was er sich von dem Auftritt beim Kandidatencheck erhoffe, lautet eine. "Es geht um den Dialog mit den Wählern", sagt er. Einen Tag lang habe er sich auf "diese vier Minuten" vorbereitet. "Man steht ja unter enormem Druck, weil einem die Zeit davon läuft und man nicht ins Schwafeln kommen will", sagt Neu.

Hilfe für die Meinungsbildung

Schüler und Lehrer schauen beim beim Kandidatencheck zu.

Noel Hollosi (rechts) zusammen mit seinem Lehrer

Noel Hollosi, einer der Schüler aus dem Sozialwissenschaftskurs kritisiert, dass aber genau das die meisten Politiker tun. "Vieles, was wir im Kandidatencheck zur Landtagswahl gesehen, habe, wurde einfach runtergebetet und wirkte wie auswendig gelernt", so Noel Hollosis Beobachtung. Julia Lüke, die Projektleiterin des WDR-Formats kann die Kritik nachvollziehen. ",Wir haben auch erhofft, dass die Personen hinter den Politikern öfter sichtbar werden“ sagt sie. "Es gab natürlich auch Ausnahmen, aber wir haben im Verlauf unseres Projekts reichlich Floskeln gehört."

Die Schüler aus Gladbeck sind trotzdem zu Fans des Formats geworden. Luca Landewee wählt dieses Jahr zum ersten Mal - er wird den Kandidatencheck vor der Bundestagswahl nutzen, sagt er. "Das Tool ist auf jeden Fall eine Hilfe, um sich eine Meinung zu bilden." Und Noel Hollosi fügt hinzu: "Man bekommt dadurch einen Bezug zu den Kandidaten, denn die Wahlplakate reichen dafür einfach nicht aus."

Stand: 12.07.2017, 18:26