Wer kommt, wer bleibt - und wer muss gehen?

Wer kommt, wer bleibt - und wer muss gehen?

Der Bundestag wird aufgemischt: Neue Parteien ziehen ein, altehrwürdige müssen Plätze abgeben. Auch bei den Kandidaten aus NRW gab es Enttäuschungen - und freudige Überraschungen.

Martin Schulz am Wahlabend

Hart gekämpft und doch verloren: Sozialdemokrat Martin Schulz hat nicht verhindern können, dass seine Partei das schlechteste Wahlergebnis der Nachkriegszeit eingefahren hat. Der Mann aus Würselen, einst Buchhändler, Bürgermeister und Präsident des Europaparlaments, war von Brüssel nach Berlin gewechselt, um als Spitzenkandidat der SPD wieder Schwung zu verleihen. Die Euphorie der Anfangswochen legte sich aber bald. Fraktionsführer will Schulz nun nicht werden, sagte er am Wahlabend der ARD. Eine Große Koalition hat er gleich nach den ersten Hochrechnungen ausgeschlossen.

Hart gekämpft und doch verloren: Sozialdemokrat Martin Schulz hat nicht verhindern können, dass seine Partei das schlechteste Wahlergebnis der Nachkriegszeit eingefahren hat. Der Mann aus Würselen, einst Buchhändler, Bürgermeister und Präsident des Europaparlaments, war von Brüssel nach Berlin gewechselt, um als Spitzenkandidat der SPD wieder Schwung zu verleihen. Die Euphorie der Anfangswochen legte sich aber bald. Fraktionsführer will Schulz nun nicht werden, sagte er am Wahlabend der ARD. Eine Große Koalition hat er gleich nach den ersten Hochrechnungen ausgeschlossen.

Die FDP muss wieder in den Bundestag, und er wird mit ihr einziehen: Das war Christian Lindners Credo. Der Wermelskirchener hat nie einen Zweifel daran gelassen, wo er seine Zukunft sieht. Dafür hat er getwittert, gepostet, geredet und die Kritik an seiner "Ein-Mann-Show" hingenommen. 10,7 Prozent hat er damit geholt. Ob der Landes- und Bundesvorsitzende jetzt auch Minister wird?

Martin Renner ist NRW-Spitzenkandidat der AFD, die es aus dem Stand auf 12,6 Prozent gebracht hat. Mehr als 90 AfD-Abgeordnete werden im Plenum sitzen - darunter der Betriebswirt aus Haan. Dass er so weit kam, war lange nicht klar. Markus Pretzell, sein Parteivorsitzender in NRW, wollte einen anderen Kandidaten durchsetzen, scheiterte aber in einer Kampfabstimmung.

Eine sichere Bank: Hermann Gröhe ist der Mann, auf den sich Angela Merkel verlassen kann - als Staatsminister, Generalsekretär der CDU und jetzt (noch) als Gesundheitsminister. Eingezogen wäre er auch ohne Spitzenplatz auf der CDU-Landesliste: Er holte seinen Wahlkreis Neuss I mit 44,0 Prozent. Wo die Zukunft des 56-Jährigen liegt, wird sich zeigen - Hinterbänkler wird er eher nicht.

Raus aus der Regierung, rein in die Opposition: Barbara Hendricks wird ihr Amt als SPD-Umweltministerin verlieren. Dafür muss sie sich auch nicht mehr mit Kabinettskollegen streiten - so wie zuletzt mit Verkehrsminister Alexander Dobrindt von der CSU, in ihren Augen ein zu großer Freund der Autoindustrie. Die Sozialdemokratin aus Kleve, Abgeordnete seit 1994, ist auf dem sicheren Landeslisten-Platz 2 wieder in den Bundestag eingezogen.

Darf man Jens Spahn als Nachwuchs-Kraft bezeichnen? Dafür ist der Christdemokrat aus Ahaus eigentlich schon zu präsent - im CDU-Präsidium und in den Medien, wo er sich zuletzt für die "Ehe für alle" stark machte. Spahn, Parlamentarischer Staatssekretär im Finanzministerium, hat sein Direktmandat im Wahlkreis Steinfurt I-Borken I mit etwas mehr als 51 Prozent souverän gewonnen.

Karl Lauterbach, der Genosse mit Fliege und dezidierten Ansichten, stand auf der Parteiliste nur auf Platz 58. Seinen Wahlkreis Leverkusen-Köln IV hat der Hochschulprofessor aber auch jetzt wieder mit 38,7 Prozent direkt gewonnen. Im Bundestag wird der Gesundheitsexperte, wie in den Jahren zuvor, für eine Bürgerversicherung und gegen eine Zwei-Klassen-Medizin kämpfen.

Neuzugang: Wie Martin Schulz hat Alexander Graf Lambsdorff die Brücken nach Brüssel abgebrochen, um in Berlin zu reüssieren. Als Dritter der NRW-Landesliste der FDP zieht der Bonner in den Bundestag ein. Parlamentarische Gepflogenheiten sind ihm nicht fremd: Der Liberale war seit 2005 im Europäischen Parlament, zuletzt als Vize-Präsident. Koalitionen musste er da allerdings nicht eingehen - das könnte tatsächlich Neuland sein.

Immerhin trifft Lambsdorff auf alte Bekannte - wie Sahra Wagenknecht, die einst im Europaparlament die PDS vertrat. Die wortgewandte Publizistin, die um das Direktmandat in Wahlkreis Düsseldorf II kämpfte, ist auf Listenplatz 1 der Linken in den Bundestag eingezogen.

Müntefering: Der Name hat in der "Herzkammer der SPD" immer noch einen guten Klang. Michelle Müntefering, Ehefrau des ehemaligen Spitzen-Genossen Franz, hat im Wahlkreis Herne-Bochum II 41,8 Prozent der Stimmen geholt - nach einem harten Wahlkampf, in dem ihr Auto von Unbekannten angezündet wurde. 2013 hatte sie allerdings noch 48,9 Prozent errungen. Die SPD im Land schwächelt eben - auch in Herne-Bochum.

Direktkandidat, zum fünften: Sozialdemokrat Ulrich Kelber wird auch diesmal wieder in den Bundestag einziehen. Das Ergebnis war mit 34,9 Prozent knapp, aber Kelber muss sich beruflich nicht ganz neu orientieren: Er hatte vorher angekündigt, sich aus der Politik zurückzuziehen, wenn es nicht für das Direktmandat reicht. Seinen Posten wird der Parlamentarische Staatssekretär im Justizministerium trotzdem los. Die nächste Koalition findet wohl ohne die SPD statt.

Norbert Röttgen galt einst als "Muttis Liebling" und wurde dann von ihr als Umweltminister geschasst. Der CDU-Mann tauchte ab, kehrte als Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses wieder ins Licht der Öffentlichkeit zurück. Sein Wahlkreis Rhein-Sieg-Kreis II war ihm immer sicher. Auch diesmal holte er das Direktmandat - wenn auch mit fast sechs Prozentpunkten weniger als 2013.

Viel besser als 2013 schnitten die Grünen diesmal nicht ab. Aber Britta Haßelmanns Sitz im Bundestag bleibt ihr sicher, dem Listenplatz 1 sei Dank. Den hat sie von Bärbel Höhn übernommen, die nicht mehr für das Parlament kandidierte. Haßelmann, ehemalige NRW-Landesvorsitzende und parlamentarische Geschäftsführerin in Berlin, ist damit zum dritten Mal für Bielefeld-Gütersloh I eingezogen.

Mark Benecke ist eines der bekanntesten Gesichter der "Partei", einer im Kern parodistischen Partei mit Hang zum Dadaismus. Wie ernst der Kriminalbiologe seine Landtags-, Bundestags- und Oberbürgermeister-Kandidaturen meinte, sei dahingestellt. Schlagzeilen waren der "Partei" aber immer sicher, auch, weil sie sich als "Nichtwähler-Partei" empfahl und damit im Trend lag. Vielleicht fühlt sich Benecke also gar nicht als Verlierer - trotz eines Wahlergebnisses, das weit unter der Fünf-Prozent-Marke liegt.

Direkt in den Bundestag geschafft hat es der Wirtschaftspolitiker Carsten Linnemann. Im traditionell konservativen Wahlkreis Paderborn-Gütersloh III holte Linnemann 53,3 Prozent der Erststimmen. Linnemann ist Vorsitzender der einflussreichen Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der Union. Und als solcher wird er bei den Koalitionsverhandlungen eine gewichtige Rolle spielen.

Ulla Schmidt ist eine der bekanntesten SPD-Politikerinnen aus NRW. Die frühere Gesundheitsministerin wollte es bei der Bundestagswahl noch einmal wissen - und verlor in ihrem Wahlkreis Aachen I wie schon 2013 gegen Rudolf Henke von der CDU. Dieses Mal war es allerdings sehr knapp. Am Ende fehlten der SPD-Politikerin rund 1.700 Stimmen. Kleiner Trost: Ulla Schmidt ist über die Landesliste abgesichert und zieht auf diesem Wege in den Bundestag ein.

Stand: 25.09.2017, 12:45 Uhr