Wen wähle ich in den Bundestag?

Bundestagswahl: Der Plenarsaal des deutschen Bundestages

Wen wähle ich in den Bundestag?

Von Rainer Striewski

64 Kandidatinnen und Kandidaten können in NRW direkt per Erststimme in den Bundestag gewählt werden. Weitere folgen per Zweitstimme. Wie funktioniert das System genau?

Jeder der 12,8 Millionen Wahlberechtigten in NRW hat bei der Bundestagswahl zwei Stimmen: Mit der sogenannten Erststimme (auf der linken Seite des Stimmzettels) wählt man genau eine Bewerberin oder einen Bewerber aus dem jeweiligen Wahlkreis. Die Zweitstimme (auf der rechten Seite des Stimmzettels) gibt man der Landesliste einer Partei. Es führen also zwei Wege in den Bundestag:

1. Erststimme für Direktkandidaten

Wahlen zum Bundestag - Briefwahl

Links auf dem Stimmzettel werden die Direktkandidaten gewählt

Wer direkt in den Bundestag gewählt werden will, muss sich in einem der 64 Wahlkreise in NRW zur Wahl stellen. Klingt einfach, ist es aber nicht. Denn jede Partei kann in jedem Wahlkreis nur jeweils eine Direktkandidatin bzw. Direktkandidaten aufstellen. Wer also Wahlkreis-Kandidat einer Partei werden will, muss sich innerhalb der Partei zum Direktkandidaten wählen lassen. Für eine aussichtsreiche Kandidatur muss man sich meist viele Jahre lang in einer Partei engagieren.

Darüber hinaus gibt es parteilose Einzelbewerber. Aber auch so eine Kandidatur ist nicht nicht ganz leicht. Wer sich zur Wahl stellen will, muss nicht nur sämtliche Kosten alleine tragen, er oder sie benötigt auch noch Unterschriften von Wahlberechtigten aus dem Wahlkreis, die die Kandidatur unterstützen. Normalerweise sind dafür 200 Unterschriften nötig, pandemiebedingt in diesem Jahr aber nur 50.

Ob nun als Einzelbewerber oder von einer Partei unterstützt: Am Ende zählt für das Direktmandat eines Wahlkreis nur, wer die meisten Erststimmen gewinnt. Die anderen Bewerberinnen und Bewerber in diesem Wahlkreis gehen komplett leer aus. Einzelbewerber oder Vertreter kleinerer Parteien schaffen es nur sehr selten auf diesem Weg ins Parlament.

Da Deutschland in 299 Wahlkreise unterteilt ist, stehen so am Wahlabend 299 direkt gewählte Abgeordnete fest. 64 von ihnen kommen aus den Wahlkreisen in NRW. Dieses Verfahren sorgt dafür, dass alle Regionen Deutschlands im Bundestag vertreten sind.

2. Zweitstimme für Landeslisten der Parteien

Mit der Erststimme nimmt man also nur dann Einfluss auf die Zusammensetzung des Bundestages, wenn die gewählte Kandidatin oder der Kandidat tatsächlich in den Bundestag einzieht. Stimmen für die Unterlegenen gehen also ins Leere.

Anders sieht es bei der Zweitstimme aus, die auf der rechten Seite des Stimmzettels vergeben wird. Hier hat (fast) jede Stimme Einfluss auf die spätere Sitzverteilung im Parlament.

Mit der Zweitstimme werden die Landeslisten der Parteien gewählt. Die Kandidatinnen und Kandidaten auf diesen Listen wurden vorher von den jeweiligen Parteien festgelegt, also intern bei Parteitagen gewählt. Auf dem Stimmzettel sind nur die ersten fünf Plätze dieser Listen abgedruckt, sie umfassen aber in der Regel deutlich mehr Kandidatinnen und Kandidaten.

Die Zweitstimme ist ausschlaggebend für die Sitzverteilung im Bundestag, denn sie ist die Grundlage für die Berechnung des Wahlergebnisses. Bei der Umrechnung von Zweitstimmen in Abgeordnetenmandate bleiben diejenigen Parteien unberücksichtigt, die weniger als fünf Prozent der Zweitstimmen erhalten haben oder die nicht mindestens drei Direktmandate (via Erststimme) gewinnen konnten. Auch diese Stimmen spielen bei der Sitzverteilung keine Rolle mehr.

Sitzverteilung erst nach komplizierter Berechnung

Bundestagswahl: Das Reichstagsgebäude

Wer schafft auf der Landesliste den Sprung ins Parlament?

Die genaue Berechnung der Sitze für eine Partei erfolgt in zwei Stufen und ist: leider kompliziert. Gerechnet wird nach dem Verfahren "Sainte-Lague/Schepers". Dabei wird zunächst bestimmt, wie viele Sitze einer Partei nach Anteil ihres Zweitstimmen-Ergebnisses insgesamt zustehen. Berücksichtigt wird in einem weiteren Schritt die Zahl der per Erststimme gewonnenen Direktmandate. Am Ende dieser Berechnung steht fest, wie viele Abgeordnete eine Partei aus welchem Bundesland nach Berlin schicken darf.

Erst dann ist klar, wie viele Kandidatinnen oder Kandidaten über die Landeslisten der Parteien in den Bundestag einziehen. Je weiter unten jemand auf einer Landesliste steht, desto unsicherer ist ein Einzug in den Bundestag.

Ob jemand am Ende direkt im Wahlkreis oder über die Landesliste in den Bundestag gewählt wurde, spielt nach der Wahl für die Arbeit im Parlament keine Rolle. Alle Abgeordneten haben die gleichen Rechte und Pflichten.

Stand: 30.08.2021, 06:00