Umgibt Olaf Scholz schon eine "Kanzler-Aura"?

Olaf Scholz in Washington: Plötzlich Kanzler-Aura Aktuelle Stunde 14.10.2021 38:54 Min. UT Verfügbar bis 21.10.2021 WDR Von Jan Hofer

Umgibt Olaf Scholz schon eine "Kanzler-Aura"?

Von Oliver Strunk

Gerade noch vorm Weißen Haus in Washington, dann mit dem Regierungsflieger zurück nach Berlin zu den Sondierungen für die nächste mögliche Regierung: Olaf Scholz "hat einen Lauf" sagen Einige und sehen ihn bereits von einer Kanzler-Aura umgeben.

"Selbstsicher? Spöttisch? Arrogant? Hier fühlt sich Scholz schon als Kanzler", so die Meinung der Bild-Zeitung bereits vor der Bundestagswahl nach einem TV-Triell, die sie aus einem Blick des damaligen Kandidaten Olaf Scholz (SPD) ableitete. Und auch jetzt wird der Eindruck, den er bei seiner USA-Reise vermittelt, zum Teil so gedeutet, als umgebe ihn bereits das Strahlen des zukünftigen Regierungschefs.

"Kurz davor, ein ganz großes Ziel zu erreichen"

Bundesfinanzminister Olaf Scholz im Gespräch mit Journalisten in einem Airbus A 340 der Flugbereitschaft der Bundeswehr auf dem Rückflug von Washington

Scholz im Gespräch mit Journalisten auf dem Rückflug von Washington

"Ich muss sagen, ich hab ihn so noch nie erlebt, wie jetzt auf der jüngsten Reise nach Washington, wo wir ihn hautnah erleben konnten", sagte Theo Geers, Berlin-Korrespondent des Deutschlandradios, am Donnerstag dem WDR.

Geers war mit Scholz zusammen im Regierungsflugzeug. Dieser habe aufgeräumt gewirkt, optimistisch. "Wie jemand, der wirklich hunderprozentig von sich überzeugt ist und kurz davor ist, ein ganz großes Ziel zu erreichen – und das strahlt er jetzt auch aus", so Geers.

Er habe die SPD zum Wahlsieg geführt und jetzt die globale Mindeststeuer unter Dach und Fach gebracht. Scholz sei nicht mehr so stoisch, wie früher, als die SPD noch im Umfrage-Keller hing und nicht vom Fleck kam, als er gute Miene zum bösen Spiel machen musste – all das sei jetzt weg.

"Olaf Scholz hat einen Lauf, ihm gelingt im Moment einfach alles." Theo Geers, Berlin-Korrespondent des Deutschlandradios

Bekannt als stoischer "Scholz-O-Mat"

Ulrich Khuon, Präsident des Deutschen Bühnenvereins

Ulrich Khuon, Präsident des Deutschen Bühnenvereins

Diese Stoik wurde Scholz immer wieder vorgeworfen, ihr hat der Hanseat die Schmähung "Scholz-O-Mat" zu verdanken. Bereits als Olaf Scholz noch Innensenator in Hamburg war, Anfang der 2000er-Jahre, sei ihm fehlendes Charisma vorgeworfen worden, sagte der Dramaturg Ulrich Khoun am Donnerstag dem WDR. Khuon war zu der Zeit Intendant am Hamburger Thalia Theater und kennt Scholz aus dieser Zeit sehr gut.

"Olaf Scholz ist - das weiß ja jeder - jetzt nicht überschwänglich. Er überschüttet Sie nicht mit Zuneigung." Ulrich Khuon, Intendant und Dramaturg

Wegbegleiter Khuon sieht keine Veränderung bei Scholz

Der damalige Wegbegleiter empfindet nicht, dass sich Scholz aktuell verändert habe: "Nee, überhaupt nicht." Es sei faszinierend gewesen, als Scholz durch das Umfragen-Tal gegangen sei, das habe er sehr entspannt und ohne emotionale Reaktionen, stoisch durchgestanden. "Jetzt das Wunder, diese Auferstehung, auch da ist er wie vorher", findet Khuon.

Manchmal würde man ihm wünschen, dass er sich mehr freuen könne, was ja auch menschlich wäre, so Khuon. "Wär doch schön, wenn er jetzt auch mal ausflippt und sagt, wir haben es gewuppt." Aber Scholz habe das so lange trainiert, dass er die Höhen und Tiefen emotional einen nicht spüren ließe. "Im Zweifel lächelt er mal – das ist dann schon viel."

"Kanzler-Eindruck will er bewusst verhindern"

Haupstadtjournalist Geers sagt zwar, dass sich Scholz aktuell schon verändert habe, noch selbstbewusster geworden sei, aber er geht nicht davon aus, dass sich Scholz nun absichtlich bereits die Aura eines Kanzlers angeeignet habe. "Nein, das macht er bewusst nicht - dafür ist er auch zu klug", glaubt Theo Geers.

Im Washington sei er als jemand gewesen, der Kanzler werden wolle, aber nicht als neuer Kanzler. "Diesen Eindruck will er auch bewusst verhindern. Das macht er erst, wenn die Unterschrift unter dem Koalistionsvertrag ist."

Körpersprache lässt sich nicht einfach ändern

Aber geht das überhaupt: Die Aura selbst an und aus knipsen? "Der Großteil unserer Körpersprache ist vorgeburtlich festgelegt", erklärt der Körpersprachen-Experte Stefan Verra gegenüber dem WDR. Wenn ein Mensch etwas nicht in sich trage, zum Beispiel so etwas wie eine Rampensau, dann könne man das auch nicht einfach so aus sich herausholen.

Körpersprachen-Experte Stefan Verra

Körpersprachen-Experte Stefan Verra

Olaf Scholz habe in seiner Körpersprache nichts verändert, weder vor noch nach der Wahl. Bei ihm bestehe durch seine Zurückhaltung aber immer die Gefahr, dass er arrogant wirke, etwa dadurch, dass er seine Augenbrauen hebe und die Augenlider auf Halbmast lasse.

"Wenn wir ihn jetzt als Kanzler wahrnehmen hat das eher mit der Einordnung der selben Signale zu tun, als dass sich Olaf Scholz verändert hätte." Stefan Verra, Autor "Die Körpersprache der Mächtigen"

"Körpersprachlich niederfrequent mit kleiner Amplitude"

Wir nehmen also laut Verra die selben Signal bei einem Menschen unterschiedlich wahr, wenn wir ihm eine andere Rolle zuteilen. Wenn wir wissen, es ist ein Kanzler, wirken sie für uns anders, als wenn wir wissen, es ist der Hausmeister von nebenan.

Und es gibt noch eine andere Erklärung dafür, dass Einige jetzt schon einen Kanzler-Schein um Scholz sehen. Wie Experte Verra sagt: "16 Jahre Angela Merkel haben natürlich auch das Niveau der Körpersprache etwas in den niederfrequenten Bereich mit kleiner Amplitude gebracht." Heißt: Auch Angela Merkel war körpersprachlich ja eher nüchtern, eher langsam und mit kleinen Bewegungen – vielleicht erwarten wir das inzwischen von einem Regierenden.

Stand: 14.10.2021, 18:48