Angela Merkel mit Blumenstrauß und Olaf Scholz

Kanzlerwahl: "Scholz versucht von Merkels Ansehen zu profitieren"

Stand: 08.12.2021, 19:03 Uhr

Die Deutschen fühlten sich von Angela Merkel behütet, sagt Stephan Grünewald vom Rheingold-Institut im Interview. Auch Olaf Scholz bemühe sich um Fürsorglichkeit - müsse aber auch etwas wagen.

Die Ära Merkel ist zu Ende. Der neue Bundeskanzler heißt Olaf Scholz. Wie fühlt sich das an? Viele, vor allem jüngere Menschen, haben im Kanzleramt nie jemand anderen erlebt. Im Interview sagt Stephan Grünewald vom Rheingold-Institut für Markt- und Meinungsforschung in Köln: Die Deutschen stecken in einem "Machbarkeitsdilemma". Einerseits habe man den Wunsch, sich weiter behüten zu lassen, andererseits wisse man um die großen Herausforderungen unserer Zeit.

WDR: Der Übergang von Merkel zu Scholz lässt so manchen sentimental werden. Wie kommt das?

Stephan Grünewald: Die Menschen erleben den Wechsel wie eine Zeitenwende. Das haben unsere Tiefeninterviews gezeigt. Merkel hat - wofür ja auch ihr Spitzname Mutti steht - einen Nimbus, der weit über dem einer Politikerin hinausgeht. Da kann man sich jetzt durchaus verlassen fühlen.

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WDR: Wodurch hat sich Merkel denn dieses Ansehen erworben?

Grünewald: Man hatte das Gefühl, dass Merkel mit Leib und Seele für das Land und seine Menschen dar war. Und dabei wirkte sie komplett uneitel. Ihr Nimbus war aber auch immer damit verbunden, dass ihre Politik alternativlos wirkte. Es gab in der Regel keine großen gesellschaftlichen Diskurse - ob bei der Abschaffung der Wehrpflicht, der Ehe für alle, beim Atomausstieg oder beim Offenhalten der Grenzen in der Flüchtlingskrise.

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WDR: Genau das kam bei vielen aber gut an.

Grünewald: Ja, Merkel war stets die Beliebteste in der Politik. Ihre Art zu regieren war für viele Menschen bequem. Nach dem Motto: Sie wird das schon machen. Wir müssen gar nicht in die gesellschaftliche Debatte einsteigen.

Inwiefern ist das problematisch?

Grünewald: Wir hatten in unserer Wahlkampfstudie bei den Menschen ein fundamentales Machbarkeitsdilemma festgestellt. Einerseits ist ihnen bewusst, dass man am Ende der Ära Merkel vor ungeheuren Herausforderungen steht - etwa Klimawandel, Staatsverschuldung, Pflegenotstand und Corona. Andererseits will man am liebsten noch mal ein paar Jahre die Augen zumachen und sich ins Schneckenhaus verkriechen.

Was bedeutet das nun für Scholz?

Grünewald: Scholz versucht, von Merkels Ansehen zu profitieren. Er stellt sich als ruhig und souverän dar, versucht, etwas von der merkelschen Kontinuität und Gelassenheit rüberzubringen. Und er betont, wie wichtig ihm Respekt und Wertschätzung sind. Das ist in einer Gesellschaft, die sich immer mehr entzweit, sehr wichtig.

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Das reicht aber nicht, oder?

Grünewald: Ganz sicher nicht. Scholz muss sich daran messen lassen, ob ihm der schmale Grat gelingt, einerseits das Land fürsorglich zu regieren, andererseits aber dem Land visionäre Perspektiven zu eröffnen. Unsere jüngste Zukunftsstudie hat gezeigt: Viele Menschen sind im No-future-Modus. Sie haben den Glauben an die Zukunft und die Institutionen verloren.

Bei Merkel wusste man nicht: In welche Richtung sollte sich Deutschland entwickeln? Welche globalen Ziele braucht es? Daher gilt es für Scholz und seine Ampel-Koalition jetzt auch, eine politische Streitkultur zu entwickeln, sodass im Land wieder viel über die großen Fragen diskutiert wird.

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Die Fragen stellte Jörn Seidel.