Selfie von Grünen und FDP: "Es geht um Inszenierungsdominanz!"

Selfie von Grünen und FDP: "Es geht um Inszenierungsdominanz!"

Inwiefern hat das gemeinsame Bild der Parteispitzen von Grünen und FDP Symbolcharakter? Und wie würde Olaf Scholz dazu passen? Fragen an den Medienwissenschaftler Christian Schicha.

WDR: Herr Schicha, wie sah Ihr Twitter-Feed heute morgen aus?

Christian Schicha: Wahrscheinlich so wie bei den meisten: Da war ständig dieses Bild zu sehen, das nach dem Abendessen der FDP- und Grünen-Spitzen entstanden ist.

WDR: Manche Beobachter sahen in dem Foto einen großen Symbolcharakter und sprachen gar von einer ikonografischen Darstellung. Sie auch?

Christian Schicha

Politologe Christian Schicha

Schicha: Da ist schon etwas dran, und das liegt daran, dass das Medium ein anderes ist. Wir haben über Wochen Bilder von Triellen gesehen, die stark standardisiert waren. Aber nun sind die kleinen Parteien auf die Idee gekommen, dieser "Koch-Kellner"-Metapher zu widersprechen, die Gerhard Schröder damals geprägt hat. Es soll offenbar ausgedrückt werden, dass man sich nichts mehr von dem möglichen großen Koalitionspartner vorschreiben lässt, sondern eigenständig aktiv wird. Herausgekommen ist dabei ein Bild, das es in Deutschland in dieser Form noch nicht gegeben hat und das wohl bei jedem Jahresrückblick auftauchen wird.

WDR: Vor vier Jahren gab es Bilder vom Balkon der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft in Berlin, als die Jamaika-Option sondiert wurde. Wo sehen Sie die Unterschiede?

Schicha: Es geht hier um die Inszenierungsdominanz. Die lag 2017 noch ein Stück weit bei den Journalistinnen und Journalisten, die die Fotos gemacht und veröffentlicht haben. Damals wurde auf den Bildern geraucht, es wurde gelacht, man konnte wild spekulieren, wer mit wem spricht und wer sich mit wem versteht. Jetzt haben die Parteispitzen das Heft selbst in die Hand genommen und selbst entschieden, welches Foto gut rüberkommt, wie man es betextet und was man insgesamt ausdrücken will.

WDR: Und was wäre das genau?

Schicha: Man darf nicht vergessen: Zusammen haben Grüne und FDP in etwa so viele Stimmen wie die SPD bzw. Union bekommen. Wenn die beiden sich also einig sind, können sie den beiden größeren Parteien auf Augenhöhe begegnen. Das hat dann natürlich einen anderen Wumms, als wenn sich die beiden komplett zerstritten an den Koalitionstisch setzen. "Wir wuppen das" - so ließen sich Bild und Kommentar als Fazit zusammenfassen. Aus meiner Sicht soll das die Hoffnung ausstrahlen, dass sich die beiden Parteien zusammenraufen werden, obwohl die Unterschiede gravierend sind.

WDR: Aber nur inhaltlich, oder? Im Politikstil und der Kommunikation sind sich Grüne und FDP doch recht ähnlich. Stichwort: "Aufbruch erzeugen."

Schicha: Das stimmt. Lindner und Baerbock sind Anfang 40, Habeck und Wissing auch nur knapp zehn Jahre älter. Die arbeiten natürlich ständig in diesen Medien und wissen, wie man die bespielt. Dazu kommt, dass es für beide Parteien um sehr viel geht. Bei Christian Lindner hat sich das Bild von vor vier Jahren eingebrannt, als er sagte: "Lieber nicht regieren als schlecht regieren", und so etwas will er auf jeden Fall vermeiden. Deshalb gibt es jetzt dieses Bild, das für einen Aufbruch steht. Wobei natürlich auffällt, dass keine übermäßig fröhlichen Gesichter zu sehen sind. Alle vier positionieren sich sehr staatstragend und dem Ernst der Lage angemessen.

WDR: Wenn man das Bild sieht, fällt es einem schwer, sich daneben Armin Laschet, Olaf Scholz oder Saskia Esken vorzustellen. Die wirken dann doch eher wie aus einer ganz anderen Polit-Generation.

Schicha: Das stimmt, aber dass es Unterschiede gibt, gehört bei Koalitionsverhandlungen immer dazu. Da muss man sich einfach zusammenraufen. Bis auf Frau Baerbock sind alle Beteiligten ja schon lange dabei und kennen das politische Geschäft. Am Ende haben alle dasselbe Ziel: An die Macht zu kommen und Regierungsverantwortung zu übernehmen.

WDR: Sehen Sie die Gefahr, dass Grüne und FDP zu hoch pokern und am Ende mit leeren Händen dastehen, weil Olaf Scholz dann doch lieber eine große Koalition anführt?

Schicha: Natürlich kann das passieren. 2017 haben ja auch alle erwartet, dass das mit Jamaika irgendwie funktioniert, und am Ende kam es anders. Allerdings hat die SPD ja oft genug gesagt, dass sie keine Große Koalition möchte. Und auch Armin Laschet kann ich mir schwer vorstellen als Vizekanzler.

Das Interview führte Ingo Neumayer.

Stand: 29.09.2021, 15:21