Wahl-Analyse: So tiefgreifend ist die Niederlage der CDU

Wahl-Analyse: So tiefgreifend ist die Niederlage der CDU

Auch in NRW schnitt die CDU bei der Bundestagswahl schlecht ab. Sie verlor sowohl in ihren ländlich geprägten Kerngebieten, als auch in den Städten viele Stimmen. Die Kombination aus beidem besiegelte ihre Wahlniederlage.

Noch hat die Union nach der Bundestagswahl nicht aufgegeben. Zwar sind CDU und CSU nicht mehr die stärkste Kraft im Bund, trotzdem hofft Armin Laschet (CDU) noch darauf, vielleicht doch Kanzler in einer möglichen Koalition mit den Grünen und der FDP zu werden.

Wie realistisch solche Hoffnungen sind, lässt sich selbst dann schwer beurteilen, wenn man auf das Wahlergebnis in NRW schaut - dem Bundesland, in dem Laschet seit 2017 Ministerpräsident ist. Hier waren die Verluste zwar nicht ganz so groß wie im Bund, aber noch immer deutlich und vor allem flächendeckend, wie die Analyse des WDR zeigt.

Dafür sehen wir uns die Wahlergebnisse in NRW nicht nur in den 64 Wahlkreisen an, sondern in allen 396 Städten und Gemeinden des Landes. Diese gleichen wir mit soziodemografischen Faktoren ab, die uns für die Kommunen vorliegen, und prüfen sie auf signifikante Zusammenhänge. Ob also bestimmte Lebensverhältnisse bei der Wahl eine Rolle gespielt haben - und andere nicht.

CDU verliert Stimmanteile in 394 Städten und Gemeinden

Dabei zeigt sich, dass die CDU ihr Wahlergebnis in gerade einmal zwei der 396 Städte und Gemeinden im Vergleich zur Bundestagswahl 2017 verbessern konnte. In den beiden Städten Würselen und Alsdorf in der Städteregion Aachen konnten sie sich aber auch nur um einen bzw. 0,2 Prozentpunkte verbessern. Im Rest des Landes sanken die Stimmanteile der Christdemokraten. Was aber auch nicht verwundert - nach dem extrem guten Ergebnis von 2017.

Bei der Frage, wo in NRW die CDU bei dieser Bundestagswahl gut abschnitt, brachte unsere Analyse der soziodemografischen Strukturen klare Tendenzen zum Vorschein: In Städten und Gemeinden, in denen die Arbeitslosenquote*, die kommunale Verschuldung und die Bevölkerungsdichte niedrig ist, steigen die Chance für einen Wahlsieg der Union.

Ein so klares Muster mit Blick auf die Lebensverhältnisse der Menschen lässt sich bei den Verlusten der CDU jedoch nicht ausmachen. Nur, dass die prozentualen Verluste in den Regionen niedriger ausfielen, in denen die Arbeitslosigkeit besonders hoch ist. Das ist aber vor allem darin begründet, dass die Union dort schon 2017 keine guten Ergebnisse erzielte. Abgesehen davon kann man nur sagen, dass die CDU flächendeckend Wähler und Wählerinnen verloren hat.

Große Einbußen auf dem Land

Die prozentual größten Verluste verzeichnete sie in ihrem Kerngebiet - den ländlichen Regionen. Zum Beispiel in Neuenkirchen im Münsterland. Dort blieb die CDU mit 34,5 Prozent der Stimmen zwar noch stärkste Kraft, im Vergleich zu 2017 bekam sie aber 14,1 Prozentpunkte weniger. Nirgends in NRW machte die CDU prozentual mehr Verlust.

Und obwohl bei kleinen Gemeinden der große Verlust von Stimmanteilen meist nur mit einem Minus von ein paar hundert Stimmen einhergeht, hatte dieser Trend in der Summe einen großen Effekt. Allein in den 172 Gemeinden in NRW, in denen im Durchschnitt weniger als 250 Menschen auf einem Quadratkilometer leben, verlor die CDU im Vergleich zur Bundestagswahl 2017 insgesamt mehr als 109.000 Stimmen.

Union muss Wahlsieg in sieben großen Städte an SPD und Grüne abgeben

Noch viel schmerzhafter für die CDU ist, dass sie die Wahl in sieben der 15 größten NRW-Städte verloren hat, in denen sie 2017 noch als Wahlsieger hervorging.

Bei der aktuellen Bundestagswahl holte stattdessen die SPD in Bielefeld, Wuppertal und Krefeld die meisten Stimmen. In Aachen, Köln, Münster und Bonn gewannen die Grünen. Nur in diesen sieben Städten verlor die CDU insgesamt mehr als 105.000 Wähler und Wählerinnen.

Gerade in Stadtbezirken mit hoher Arbeitslosigkeit und mit verhältnismäßig vielen Ein-Personen-Haushalten verlor die CDU Stimmen an SPD und Grüne - die in genau diesen Gebieten besonders punkten konnten. Nur in Stadtbezirken, in denen verhältnismäßig viele Menschen leben, die älter als 60 Jahre sind, standen die Chancen dafür, dass die CDU gewählt wird, besser.

Aber auch zwischen dem Wahlergebnis der CDU und der Pkw-Dichte in den Städten besteht ein statistischer Zusammenhang. In den Gebieten, in denen es überdurchschnittlich viele Autos pro Einwohner gab, lag die Wahrscheinlichkeit höher, dass die Union ein gutes Ergebnis erzielte.

Mehr als ein Drittel der Stimmen gehen in Großstädten verloren

Betrachtet man alle 21 Großstädte mit mehr als 100.000 Einwohnern in NRW, wird deutlich, dass die CDU hier das Gros der Stimmen verlor. Insgesamt gaben dort mehr als 245.000 Menschen weniger ihre Stimme für die CDU ab als 2017. Das entspricht mehr als einem Drittel aller verlorenen Stimmen der Union in NRW.

Gemeinsam mit der Summe der Stimmverluste in den zahlreichen kleinen Gemeinden in den ländlichen Gebieten - wo überraschenderweise die Grünen flächendeckend Zugewinne verbuchen konnten - besiegelte dieser Trend die Wahlniederlage der Union in NRW.

* Da die Agentur für Arbeit die Arbeitslosenquote nicht für Gemeinden mit weniger als 15.000 zivilen Erwerbspersonen veröffentlicht, mussten wir den Anteil der Arbeitslosen für einen Teil der Gemeinden in NRW schätzen. Dafür haben wir errechnet, wie viele zivile Erwerbspersonen in NRW im Durchschnitt auf die Bevölkerung im Alter zwischen 18 und 65 Jahren kommen. Mit dem errechneten Mittelwert und der absoluten Zahl der Arbeitslosen in den Kommunen konnten wir dann einen Schätzwert ermitteln

Korrekturhinweis:

In einer ersten Version dieses Beitrags stand fälschlicherweise, dass die Union in Nordrhein-Westfalen noch größere Verluste bei der Bundestagswahl gemacht hätte als im Bund. Wir bitten Sie, diesen Fehler zu entschuldigen. Er wurde mittlerweile korrigiert.

Das Team des Projekts "So hat Ihre Gemeinde gewählt" und der soziodemografischen Wahlanalyse:

René Bucken, Raimund Groß, Jannes Höke, Nandor Hulverscheidt, Jörn Kießler, Kathrin Ohlmann, Elena Riedlinger, Peter Schneider und Urs Zietan.

Mit freundlicher wissenschaftlicher Beratung von Prof. Dr. Bernd Schlipphak, Institut für Politikwissenschaften, Universität Münster.

Stand: 29.09.2021, 06:00