Nach der Bundestagswahl 2021 - jetzt kommt es auf "die Kleinen" an

Bundestagswahl 2021
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Nach der Bundestagswahl 2021 - jetzt kommt es auf "die Kleinen" an

Wer wird der nächste Kanzler, wie setzt sich die künftige Regierung zusammen? Das ist nach der Bundestagswahl völlig offen. Fest steht bislang nur: Jetzt kommt es auf "die Kleinen" - FDP und Grüne - an.

Auf den ersten Blick scheint die Sache eindeutig zu sein: Die SPD hat die Bundestagswahl knapp vor der Union gewonnen - und müsste jetzt auch den Kanzler stellen. Doch so klar ist es nicht.

Denn der Vorsprung der Sozialdemokraten vor der Union, die 24,1 Prozent der Stimmen erzielte, ist nur knapp. Sowohl SPD als auch Union können sich vorstellen, den Kanzler zu stellen. Aber dafür müssten sie es schaffen, jedes Lager für sich, "die Kleinen" auf ihre Seite zu ziehen. Mit anderen Worten: Jetzt kommt es auf die FDP und die Grünen an.

Die Grünen haben bei der Bundestagswahl schlechter abgeschnitten als erwartet - sie erzielen 14,8 Prozent der Stimmen. Die FDP (11,5 Prozent) hält ihr zweistelliges Ergebnis - und ist damit ebenfalls eine Größe, mit der die anderen rechnen müssen.

Wahlbeteiligung: 76,6 Prozent

Die AfD rutschte auf 10,3 Prozent ab und die Linke auf 4,9. Weil sie drei Direktmandate geholt hat, gilt die Fünf-Prozent-Hürde für sie jedoch nicht. Die Wahlbeteiligung lag laut Bundeswahlleiter bei 76,6 Prozent - bei der Wahl 2017 hatte sie bei 76,2 Prozent gelegen.

Ampel- oder Jamaika-Koalition am wahrscheinlichsten

Zwei Koalitionsoptionen gelten nun als am wahrscheinlichsten: Eine Ampel-Koalition aus SPD, Grünen und FDP sowie eine Jamaika-Koalition aus CDU/CSU, Grünen und FDP. Zünglein an der Waage wäre im Fall der "Ampel" die FDP, im Fall von "Jamaika" wären es die Grünen.

Darüber haben wir auch im Livestream gesprochen und das Ergebnis der Wahl analysiert:

Nach der Bundestagswahl 2021: Das bedeutet die Wahl 44:36 Min. Verfügbar bis 27.09.2022

Lindner will zunächst mit den Grünen reden

Die FDP kündigte am Montag an, zunächst Gespräche mit den Grünen über eine mögliche Koalitionsbildung mit Union oder SPD zu führen. Die Parteiführung habe beschlossen, "Vorsondierungen" mit den Grünen aufzunehmen, sagte der Vorsitzende Christian Lindner.

Habeck: Ampel ist die naheliegendste Option

Die Grünen wollen zunächst nicht nur mit der FDP, sondern auch mit der SPD über die Bildung einer neuen Regierung reden. Die SPD liege nach dem Wahlergebnis vorn, "daraus ergibt sich ein Prä der Gespräche mit der SPD und der FDP", sagte Grünen-Parteichef Robert Habeck. Die Ampel sei "die naheliegendste Option". Dies schließe jedoch nicht aus, auch mit der Union zu sprechen.

Auch Scholz für Ampel

Die SPD und ihr Kanzlerkandidat Olaf Scholz setzen derweil auf eine schnelle Verständigung mit Grünen und FDP auf ein Regierungsbündnis. "Wenn drei Parteien, die den Fortschritt am Beginn der 20er Jahre im Blick haben, zusammenarbeiten, kann das etwas Gutes werden, selbst wenn sie dafür unterschiedliche Ausgangslagen haben", sagte Scholz am Montag.

Laschet für Jamaika-Koalition

Unionskanzlerkandidat Armin Laschet strebt trotz der drastischen Einbußen bei der Bundestagswahl weiterhin Sondierungen mit FDP und Grünen über die Bildung einer neuen Regierung an. Vorstand und Präsidium der CDU seien sich einig, "dass wir zu Gesprächen für eine sogenannte Jamaika-Koalition bereit stehen", sagte der CDU-Chef am Montag.

Druck auf Laschet wächst

Derweil wächst der Druck auf Laschet. Seinen Rücktritt forderte die rheinland-pfälzische CDU-Landtagsabgeordnete Ellen Demuth. "Armin Laschet, Sie haben verloren. Bitte haben Sie Einsicht. Wenden Sie weiteren Schaden von der CDU ab und treten Sie zurück", schrieb sie auf Twitter.

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Unionsanhänger laut Umfrage mehrheitlich für Rücktritt

Zudem legt rund die Hälfte der Unionsanhänger in Deutschland Laschet einer Umfrage zufolge den Rücktritt nahe. Das geht aus einer Befragung des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag der Zeitungen der Funke-Mediengruppe hervor. 51 Prozent antworteten am späten Sonntagabend und am Montag auf die Frage "Sollte Armin Laschet ihrer Meinung nach aufgrund des Bundestagswahlergebnisses der Union als Parteivorsitzender der CDU zurücktreten" mit "auf jeden Fall" oder "eher".

Nach der Wahl ist vor der Wahl - in NRW

Es geht um viel, um Spitzenpositionen und Koalitionen: ein Machtpoker, der sich sehr in die Länge ziehen kann. Durchaus möglich, dass darüber Monate vergehen - schließlich hat es 2017 auch 172 Tage gedauert, bis die Regierung gebildet war und Kanzlerin Merkel vereidigt wurde. So lange wollen die Christdemokraten in NRW nicht warten. Sie haben noch am Wahlabend verkündet, dass sie jetzt den Wahlkampf für die Landtagswahlen einläuten wollen.

Die sind zwar erst im Mai 2022, aber die CDU hat ein Problem: Ihr ist der Spitzenkandidat abhanden gekommen. Schlimmer noch: der Ministerpräsident. Denn Laschet hat vor der Bundestagswahl verkündet, dass er nicht nach NRW zurückkehrt - egal, wie die Wahl ausgeht und zur Not als Oppositionsführer.

Spitze der NRW-CDU zu Beratungen zusammengekommen

In Düsseldorf kam derweil am Montagabend die Spitze der NRW-CDU zu Beratungen zusammen. Laschet muss sich dabei nach WDR-Informationen

  • auf Kritik einstellen, denn viele sind über das schlechte Abschneiden der Union bei der Bundestagswahl verärgert. Zur Sprache kommen solle auch ein möglicher Nachfolger bzw. eine mögliche Nachfolgerin für Laschet - denn alle wüssten: Ohne eine Führungsfigur werde der Wahlkampf für die anstehende Landtagswahl nicht funktionieren.
  • Mit einer Personalentscheidung werde aber am Montagabend nicht gerechnet.
  • Die Kandidaten werden in Stellung gebracht

    Auf kurz oder lang muss aber wohl ein Übergangs-Ministerpräsident her und ein neuer NRW-Parteichef dazu. Der soll schon in drei Wochen auf dem CDU-Parteitag gewählt werden. Favorit: Verkehrsminister Hendrik Wüst, der ein Landtagsmandat hat und deswegen provisorischer Ministerpräsident werden könnte - anders als Bauministerin Ina Scharrenbach, die ebenfalls immer wieder ins Spiel gebracht wird.

     Ina Scharrenbach (CDU), Ministerin für Heimat, Kommunales, Bauen und Gleichstellung des Landes Nordrhein-Westfalen, spricht in der Parteizentrale nach der ersten Hochrechnung mit Journalisten.

    Kommt als Laschets Nachfolgerin zunächst nicht in Frage: Ina Scharrenbach

    Auch Herbert Reuls Name fällt oft. Der will eigentlich nicht, sagt er: "Ich habe keine Karrierepläne. Ich bin so alt und so lange in den Ämtern, dass ich es auch gar nicht nötig habe, Karrierepläne zu schmieden." Aber ein Landtagsmandat will er doch. Es bleibt also alles offen - in NRW wie in Deutschland.

    Bundestagswahl 2021 - Gewinne und Verluste
    UnionSPDAfDFDPLinkeGrüneAndere
    -8,8+5,2-2,3+0,8-4,3+5,9+3,7
    Bundestagswahl 2021 - Stimmanteile in NRW
    CDUSPDAfDFDPLinkeGrüneAndere
    26,029,17,311,43,716,16,5

    Gewinner und Verlierer in NRW - Ergebnisse aus den Wahlkreisen

    Wie haben bei der Bundestagswahl bekannte NRW-Kandidaten abgeschnitten? Erste Ergebnisse aus den Wahlkreisen.

    Friedrich Merz (CDU) spricht ins Mikrofon

    Friedrich Merz - Der CDU-Politiker kehrt in den Bundestag zurück. In seinem Wahlkreis im Hochsauerlandkreis gewinnt er das Direktmandat und holt 40,4 Prozent der Stimmen, der Sozialdemokrat Dirk Wiese 32,2 Prozent.

    Friedrich Merz - Der CDU-Politiker kehrt in den Bundestag zurück. In seinem Wahlkreis im Hochsauerlandkreis gewinnt er das Direktmandat und holt 40,4 Prozent der Stimmen, der Sozialdemokrat Dirk Wiese 32,2 Prozent.

    Rolf Mützenich - Der Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion gewinnt in seinem Wahlkreis in Köln (Köln III) mit 29,9 Prozent der Stimmen das Direktmandat - vor Katharina Dröge (28,3 Prozent) von den Grünen und Gisela Manderla von der CDU (18,6 Prozent).

    Oliver Krischer - Der Grünen-Politiker Oliver Krischer hat im Heimatwahlkreis des Unionskanzlerkandidaten und CDU-Vorsitzenden Armin Laschet mit 30,2 Prozent der Stimmen das Direktmandat gewonnen. CDU-Gesundheitspolitiker Rudolf Henke kam auf rund 25,6 Prozent und die SPD-Kandidatin Ye-One Rhie auf 23,8 Prozent. Laschet selbst war nicht für ein Direktmandat angetreten.

    Jens Spahn - Der amtierende Bundesgesundheitsminister hat seinen Wahlkreis Steinfurt-Borken I mit 40,0 Prozent vor Sarah Lahrkampf von der SPD mit 28,3 Prozent gewonnen.

    Karl Lauterbach - Der prominente SPD-Gesundheitsexperte hat sich das Direktmandat für seinen Wahlkreis Leverkusen - Köln IV geholt - mit 45,6 Prozent der Stimmen. Weit abgeschlagen dahinter rangiert Serap Güler, die NRW-Integrations-Staatsekretärin von der CDU mit 20,4 Prozent der Stimmen.

    Ralph Brinkhaus - Der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion erzielt in seinem Wahlkreis in Gütersloh 40,0 Prozent der Stimmen - und liegt damit vor Elvan Korkmaz-Emre von der SPD, die auf 25,8 Prozent der Stimmen kommt.

    Alexander Graf Lambsdorff - Der FDP-Außenpolitiker landet in seinem Wahlkreis Bonn auf dem vierten Platz. Den Wahlkreis holt Katrin Uhlig (Grüne) mit 25,2 Prozent. Auf Platz zwei kommt Jessica Rosenthal mit 25,1 Prozent vor Christoph Jansen (CDU) mit 24,4 Prozent und Lambsdorff mit 12,6 Prozent.

    Sven Lehmann - In seinem Wahlkreis Köln II hat der Grünen-Politiker sein Direktmandat klar mit 34,6 Prozent der Stimmen geholt, vor Sandra von Möller (CDU) mit 25,0 Prozent und Marion Sollbach (SPD) 19,7 Prozent.

    Norbert Röttgen - Der prominente CDU-Politiker verteidigte seinen Wahlkreis Rhein-Sieg-Kreis mit 40,0 Prozent der Stimmen und lag nach Auszählung der Stimmbezirke vor Katja Stoppenbrink von der SPD (23,4 Prozent der Stimmen).

    Anja Karliczek - Mit 34,0 Prozent der Stimmen im Wahlkreis Steinfurt III hat die Bundesbildungsministerin von der CDU ganz knapp das Direktmandat geholt - vor ihrem SPD-Herausforderer Jürgen Coße mit 31,1 Prozent der Stimmen.

    Michelle Müntefering - Die SPD-Bundestagsabgeordnete und Ehefrau des SPD-Urgesteins Franz Müntefering hat sich in ihrem Wahlkreis Herne - Bochum II mit 43,5 Prozent der Stimmen deutlich vor CDU-Herausforderer Christoph Bußmann (19,8 Prozent der Stimmen) durchgesetzt.

    Carsten Linnemann - Im Wahlkreis Paderborn kann Carsten Linnemann, stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, mit 47,9 Prozent der Stimmen einen klaren Sieg über seinen SPD-Herausforderer Burkhard Blienert feiern - Blienert kam auf 19,0 Prozent der Stimmen.

    Christian Lindner - Der FDP-Bundesvorsitzende hat den Wahlkreis Rheinisch-Bergischer Kreis nicht holen können. Dort siegte mit 30,01 Prozent der Stimmen der CDU-Politiker Hermann-Josef Tebroke - vor SPD-Mann Kastriot Krasniqi mit 22,71 Prozent der Stimmen. Lindner erzielte 16,84 Prozent.

    Agnes Strack-Zimmermann - Die Bundestagsabgeordnete der FDP und Parteikollegin von Christian Lindner landet in ihrem Wahlkreis Düsseldorf I mit 13,9 Prozent der Stimmen nur auf Platz vier. Sieger ist Thomas Jarzombek (CDU) mit 31,1 Prozent vor Zanda Martens (SPD) mit 22,4 Prozent und Frederik Hartmann (Grüne) mit 21,2 Prozent.

    Paul Ziemiak - Der CDU-Generalsekretär gewinnt in seinem Wahlkreis Märkischer Kreis II mit 33,6 Prozent der Stimmen vor SPD-Herausfordererin Bettina Lugk (30,4).

    Hermann Gröhe - Der frühere Bundesgesundheitsminister der CDU siegt im Wahlkreis Neuss I mit 35,8 Prozent der Stimmen vor Daniel Rinkert von der SPD (32,0).

    Stand: 27.09.2021, 19:36