Bundestagswahl: Warum Menschen zu Nichtwählern werden

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Bundestagswahl: Warum Menschen zu Nichtwählern werden

Von Damla Hekimoglu

Jeder und jede hat das Recht, nicht zur Bundestagswahl zu gehen. Doch was sind die Gründe dafür? Antworten von Nichtwählern - und einem Mathematik-Professor.

Würden Menschen, die nicht wählen gehen, Einfluss auf die Sitzverteilung haben, wären sie vermutlich die drittstärkste politische Kraft in Deutschland - mit leeren Sitzen im Bundestag. Klar, das ist nicht der Fall. Aber trotzdem haben Nichtwählerinnen und Nichtwähler Einfluss auf die Zusammensetzung des Parlaments.

Jede nicht abgegebene Stimme stärkt kleinere Parteien

Wer bei der Bundestagswahl nicht wählen geht, habe indirekt Einfluss auf die Regierung, sagt Prof. Christian Hesse. Er promovierte in Harvard im Fach Mathematik und ist aktuell Professor für Mathematik an der Universität Stuttgart. Seit Jahren beschäftigt er sich mit dem Wahlrecht und mathematischen Aspekten der Wahlforschung.

Die Wahlbeteiligung habe vor allem Einfluss auf kleine Parteien. Die verfügen über eine Kernwählerschaft, die generell immer zur Wahl geht. Das heißt: Je weniger Menschen insgesamt zur Wahl gehen, desto mehr fallen die Stimmen für kleine Parteien ins Gewicht.

Parteien, die so um die 5%-Hürde liegen, könnten bei einer hohen Wahlbeteiligung unter 5% und bei einer geringen Wahlbeteiligung über 5% liegen. Allein deshalb, weil die Stimmenzahl nahezu identisch ist bei beiden Wahlszenarien. Prof. Dr. Christian Hesse
Grafikerin Silvana Gerards aus Köln

Grafikerin Silvana Gerards

Vielen Nichtwählerinnen und Nichtwählern ist das bewusst. An ihrer Entscheidung ändert das trotzdem nichts, wie Grafikerin Silvana Gerards dem WDR berichtet.

Ich sehe diese Nebenwirkung und finde es doof, dass Extreme gestärkt werden, aber es ist für mich schwer, zwischen den Übeln zu wählen. Silvana Gerards, Grafikerin aus Köln

Opernsängerin Helene S. aus Aachen sieht es ähnlich: "Das mit den Extremisten weiß ich. Aber ich sehe das als Protest, man will zeigen: Hier läuft was dermaßen schief."

Bauträger Max H. aus Düsseldorf wiederum, eigentlich Nichtwähler, überlegt, kurz entschlossen doch bei der Bundestagswahl wählen zu gehen – "damit rechte Parteien nicht davon profitieren“.

Den typischen Nicht-Wähler gibt es nicht

Prof. Dr. Christian Hesse, Professor am Institut für Stochastik und Anwendungen

Mathematiker Prof. Christian Hesse

Warum entscheiden sich Menschen, nicht wählen zu gehen? Gibt es Gemeinsamkeiten? "Nichtwähler sind sehr heterogen", sagt Mathematiker Hesse. "Dazu gehören beispielsweise Menschen, die starke Anhänger einer Partei sind, von dieser Partei enttäuscht wurden, aber auch keine andere Partei wählen wollen."

Diese Beschreibung trifft auf Bauträger Max H. zu: "Bei mir ist es Frust und ein Mangel an akzeptablen Alternativen. Ich war immer CDU-ler, finde die aber aktuell so schlimm, dass ich sie nicht wählen kann. Die müssen jüngeres Blut und charismatischere Leute reinbringen", sagt der 34-Jährige.

"Ich bin zu uninformiert"

Eine andere Gruppe sind Menschen, die generell kein Interesse an Politik haben. Silvana Gerards zum Beispiel sagt: "Ich bin zu uninformiert, ich möchte gar nicht das Recht haben, wählen zu können. Manche Leute haben die Illusion, dass sie informiert sind, wenn sie 15 Minuten am Tag Nachrichten schauen. Da gehört mehr dazu, wenn man überlegt, dass man das Parlament für vier Jahre mitbestimmt."

Opernsängerin Helene S. aus Aachen wiederum fühlt sich von Politik nicht angesprochen: "Die Corona-Politik hat viele Existenzen kaputt gemacht. Keine Ahnung, welcher Partei ich vertrauen soll. Meine Anliegen wurden nicht abgebildet. Das führt zu riesigem Frust."

Und dann gibt es noch die sogenannten unechten Nichtwähler. Das sind Menschen, die eigentlich wählen wollen, aber zum Beispiel ihre Briefwahlstimme zu spät abschicken, am Wahltag krank werden oder verhindert sind. "Diese Gruppe macht 5 Prozent aus", sagt Prof. Hesse.

Deutlich größer ist die Gruppe der Wahlverweigerer – laut Hesse 8 bis 10 Prozent der Wahlberechtigten. "Das sind Protest-Nichtwähler, die unser politisches System generell ablehnen, oder Menschen, die denken, dass ihre einzelne Stimme überhaupt keine Bedeutung hat unter den Millionen Stimmen."

Junge gehen seltener zur Wahl

Nichtwähler sind laut Hesse häufig Menschen mit geringem Einkommen und niedrigem Bildungsniveau. Auch das Alter spielt eine Rolle. Während die Wahlbeteiligung in der Altersklasse der 18- bis 30-Jährigen nur bei 60 Prozent liegt, gehen 80 Prozent der 60- bis 80-Jährigen zur Wahl.

Die höchste Wahlbeteiligung in Deutschland bei einer Bundestagswahl gab es 1972 mit 91,1 Prozent. 2009 war der Tiefstand mit nur 70,8 Prozent. Seitdem steigt die Wahlbeteiligung leicht, 2017 lag sie bei 76,2 Prozent. Bei anderen Wahlen wie den Kommunalwahlen ist das Interesse der Wählerinnen und Wähler nicht so ausgeprägt.

Laut Prof. Hesse hängt die Wahlbeteiligung vor allem davon ab, für wie bedeutend die Wahl gehalten wird. Das könnte in diesem Jahr für eine hohe Beteiligung sprechen.

Stand: 20.09.2021, 06:00