Strategisch wählen: Geht das überhaupt?

Bundestagswahl: Wahlurne im Wahllokal

Strategisch wählen: Geht das überhaupt?

Noch zwölf Tage bis zur Bundestagswahl 2021, und das Rennen ist offen wie lange nicht. Manche Menschen überlegen daher, ihre Stimme strategisch einzusetzen. Doch diese Taktik birgt Tücken.

Wer könnte mit wem koalieren? Und wer schließt eine Zusammenarbeit kategorisch aus? Diese Fragen sind im Vorfeld jeder Wahl wichtig, besonders aber bei der anstehenden Bundestagswahl. Denn laut den Zahlen des aktuellen Deutschlandtrends zeichnet sich ab, dass es wohl drei Fraktionen sein werden, die die kommende Regierung bilden. Da eine Koalition mit der AfD von allen Seiten ausgeschlossen wird und auch eine Zusammenarbeit zwischen CDU und Linken unrealistisch ist, kommen nach aktuellem Stand fünf Koalitionen in Frage:

  • eine Ampel aus SPD, Grünen und FDP
  • rot-grün-rot mit SPD, Grünen und der Linken
  • ein Jamaika-Bündnis mit CDU, Grünen und FDP
  • eine Kenia-Koalition aus SPD, Union und Grünen
  • eine Deutschland-Koalition mit CDU, SPD und FDP

Auch beim Triell am Sonntag und beim gestrigen Vierkampf wurde immer wieder über mögliche Koalitionsaussagen gestritten und der mögliche Einfluss des Wahlverhaltens thematisiert. So sagte CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt, dass eine Stimme für die AfD letztendlich den linken Rand stärken würde. Eine These, die die Politikwissenschaftlerin Julia Schwanholz teilt. Eine Stimme für die AfD mache rot-grün-rot wahrscheinlicher, sagte sie im DLF.

Stimme verleihen? Ein riskantes Manöver

Im Gegensatz zu vergangenen Wahlen, als potenzielle CDU-Wähler ihre Stimme der FDP gaben, um dieser sicher über die 5-Prozent-Hürde und in eine schwarz-gelbe Koalition zu helfen, sind Leihstimmen zu diesem Zweck bei dieser Wahl eher weniger zu erwarten. Einzig bei Rot-grün-rot-Anhängern wäre das eine Option, da die Linke derzeit mit sechs Prozent nur knapp über der Hürde liegt.

Allerdings: Diese Leihstimme für die Linke könnte auch das Gegenteil bewirken und SPD und Grüne schwächen, wenn diese sich mit der FDP auf eine Ampel einigen sollten.

Entscheidung gegen statt für eine Regierung

Da es so viele mögliche Koalitionen gibt, ist es entsprechend schwerer als bei früheren Konstellationen, seine Stimme taktisch einzusetzen. Einfacher wird es laut Politologin Schwanholz, wenn man eine bestimmte Kanzlerpräferenz bzw. -abneigung hat. Da die SPD eine Fortsetzung der Zusammenarbeit mit der CDU ausgeschlossen hat, kann man davon ausgehen, dass man mit einer Stimme für die SPD am ehesten einen Kanzler Armin Laschet verhindert. Und auch für konservative Wähler sei der Fall relativ klar: Wer keine rot-grün-rote Koalition unter Olaf Scholz haben will, wählt CDU oder eben FDP.

Immer mehr Wechselwähler bringen Dynamik in die Wahlen

Dass es überhaupt so viele Optionen gibt, hängt auch damit zusammen, dass sich die ehemals gefestigten Parteimilieus immer mehr auflösen. So geht der Politologe Heinrich Oberreuter von einer dauerhaften Zunahme an Wechselwählern aus: "In der Wahl drückt sich die zunehmende Individualisierung und Pluralisierung der Gesellschaft politisch aus."

Doch egal ob strategisch, wechselhaft oder traditionell: Am Ende gilt der Artikel 38 des Grundgesetzes: "Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages werden in allgemeiner, unmittelbarer, freier, gleicher und geheimer Wahl gewählt." Nur eine Option sollte man lassen, findet Julia Schwanholz: von seiner Stimme keinen Gebrauch zu machen. "Die Demokratie ist ein hohes Gut, daher sollten wir alle zur Wahl gehen."

Stand: 14.09.2021, 15:07