So ticken Erstwähler: "Rezos Videos haben mir die Augen geöffnet"

So ticken Erstwähler: "Rezos Videos haben mir die Augen geöffnet"

Von Fulya Çayir

Erstwähler kennen bisher nur Angela Merkel als Kanzlerin. Am 26. September dürfen sie nun mitbestimmen, wer die Regierungschefin ablösen soll. Aber sind sie mit dem Angebot zufrieden?

Etwa 2,8 Millionen Menschen dürfen am 26. September erstmals bei einer Bundestagswahl wählen. Klingt viel, aber allein die Zahl der 50- bis 69-jährigen Wählerinnen und Wähler ist fast zehn Mal so hoch.

Kein Wunder, dass die meisten Parteien in erster Linie auf die zahlenmäßig viel größere Wählergruppe der Älteren schielen als auf die Erstwählerinnen und Erstwähler. Das erklärt zum Beispiel, warum im Wahlkampf viel über die Rente, aber eher wenig über Bildung gesprochen wurde.

Kommt die junge Generation also zu kurz? Fühlen sich Erstwählerinnen und Erstwähler gut vertreten von der Politik? Welche Themen sind ihnen wirklich wichtig? Wir haben vier von ihnen gefragt.

Melisa, 21, aus Bottrop

"Wenn die Union wieder den nächsten Kanzler stellt, bleibt wohl alles beim Alten", sagt Melisa aus Bottrop, die sich mehr Bewegung in der Politik wünscht. Die Auszubildende geht vor allem deshalb zur Wahl, damit rechte Parteien keine Mehrheit bekommen. Sie will aber auch nicht, dass Annalena Baerbock (Grüne) Bundeskanzlerin wird.

"Wenn die Grünen beispielsweise die Spritpreise erhöhen, damit mehr Menschen öffentliche Verkehrsmittel nutzen und so das Klima schützen, kann ich mir mein Auto nicht mehr leisten", sagt sie. Die 21-Jährige ist auf das Auto angewiesen, weil sie sich, wie sie sagt, nicht auf das Bahnnetz verlassen könne. Über die drei Kanzlerkandidaten hat sich Melisa bei diversen Fernsehauftritten ein Bild gemacht.

Joshua, 18, aus Mönchengladbach

Joshua im Portrait.

Erstwähler Joshua

Joshua aus Mönchengladbach ist seit kurzem Student in Venlo. "Die Wahlen lassen mich eher kalt", sagt der 18-Jährige, "denn ich fühle mich von keiner Partei zu 100 Prozent angesprochen." Überhaupt seien Politiker auf Online-Plattformen, auf denen sich junge Menschen bewegen, unterrepräsentiert.

Wählen sieht Joshua aber als seine Bürgerpflicht an. Die AfD kommt für den Studenten nicht in Frage. Aber seine Generation bestehe auch nicht nur aus der Fridays-for-Future-Bewegung.

"Eine Fahrgemeinschaft ist günstiger, um zur Uni zu pendeln"

"Wenn die Aktivisten einen anprangern, weil man ein bestimmtes Shirt trägt, finde ich das zu extrem", sagt er. Ihn treiben andere Themen um – das Bildungssystem, das Tempolimit auf Autobahnen und die hohen Kosten für Bahntickets. "Eine Fahrgemeinschaft ist für mich viel günstiger, um zur Uni zu pendeln", sagt Joshua, der in Venlo studiert. Bei seiner Wahlentscheidung verlässt er sich auf das Ergebnis des Wahlomaten.

Sabrina, 21, aus Waldbröl

Sabrina im Portrait.

Erstwählerin Sabrina

"Mir ist Klimaschutz am wichtigsten, das haben die jüngsten Naturkatastrophen nochmal bestärkt", sagt Sabrina aus Waldbröl im Oberbergischen Kreis. Die 21-jährige Auszubildende geht vor allem deshalb zur Wahl, um den Interessen ihrer Generation mehr Gewicht zu geben. "Wenn immer nur die älteren Menschen dieselben Parteien wählen, ändert sich ja nichts."

Auch faire Bezahlung ist ihr ein Anliegen. Die Corona-Krise habe gezeigt, wie wichtig etwa Pflegekräfte für uns seien: "Diese Menschen werden zu wenig gewürdigt."

Die Parteiprogramme hat sie sich angeschaut, aber: "Rezos Videos haben mir nochmal die Augen geöffnet", sagt Sabrina über den Youtuber, der viel Aufmerksamkeit mit seinen politischen Videos erlangt hat und gerade bei jungen Menschen sehr bekannt ist.

David, 19, aus Bergisch Gladbach

David, 19-jähriger Erstwähler aus Bergisch Gladbach

Erstwähler David

"Es macht mich sauer, wenn Gleichaltrige aus meinem Umfeld nicht wählen gehen", sagt David aus Bergisch Gladbach. Schließlich wüsste er, dass keiner dieser Leute rechts außen oder links außen wählen würde. Dem 19-Jährigen ist es wichtig, demokratische Parteien zu stärken.

David weiß nicht, ob er bei der letzten Bundestagswahl gewählt hätte, wenn er denn gedurft hätte. Denn erst in den vergangenen Jahren habe er sich mehr und mehr für das politische Geschehen interessiert.

"Bei mir in der Familie wird ständig über Politik diskutiert", sagt der Student in spe. Seine Wahlentscheidung hätten die Trielle noch einmal gefestigt. Aber er habe sich auch vereinzelt online Parteiprogramme angeschaut.

Stand: 18.09.2021, 13:25