Wahl-Analyse: Wo die FDP in NRW ihre Wähler verlor

Das Logo der FDP auf vor dem Hintergrund einer NRW-Karte und einer Panoramaaufnahme der Stadt Bad Honnef.

Wahl-Analyse: Wo die FDP in NRW ihre Wähler verlor

Bundesweit gilt die FDP als einer der Gewinner dieser Bundestagswahl. Vor allem bei jungen Wählern war sie erfolgreich - auch in NRW. Trotzdem verloren die Liberalen hier viele Stimmen - vor allem in den Großstädten und ihren Kerngebieten.

Neben der SPD und den Grünen ist auch die FDP ein Gewinner der Bundestagswahl. Nachdem sie 2017 mit mehr als 10 Prozent wieder in den Bundestag gewählt wurde, konnte sie sich bei der aktuellen Wahl im Bund um weitere 0,7 Prozentpunkte auf 11,5 Prozent verbessern.

FDP besonders beliebt bei jungen Wählern

Besonders erfreulich für die Freien Demokraten: Vor allem bei jungen Wählern ist die Partei beliebt. 23 Prozent der Erstwähler machten ihr Kreuz auf dem Wahlzettel bei der FDP. Nur die Grünen bekamen in dieser Altersgruppe den gleichen Anteil von Stimmen, wie eine Analyse von infratest dimap ergab.

Auch bei den 18- bis 24-Jährigen schneiden die Liberalen demnach sehr gut ab. 21 Prozent von ihnen wählten die FDP. In dieser Altersgruppe bekamen nur die Grünen mehr Stimmanteile.

Voll in diesem Trend liegt auch NRW. Hier wählten ebenfalls 21 Prozent der sogenannten Jungwähler die FDP. Bei den Erstwählern waren es mit 22 Prozent nur ein Prozentpunkt weniger als im Bund.

"Die Themenbereiche Digitalisierung oder Bildung spielen bei der FDP eine große Rolle. Und das sind Themengebiete, die für junge Menschen ebenso relevant sind." Stefan Marschall, Politikwissenschaftler Universität Düsseldorf

Viele Verluste in starken FDP-Gebieten

Trotzdem machte die FDP in NRW Verluste. Zwar lag die Partei bei dieser Bundestagswahl mit 11,4 Prozent in NRW nur knapp unter dem bundesweiten Ergebnis, im Vergleich zur Bundestagswahl 2017 verlor sie aber 1,7 Prozentpunkte.

In dem Jahr war die Partei zunächst bei der Landtagswahl im Mai mit einem Plus von vier Prozent wieder in die NRW-Regierung gekommen. Dann hatte sie vier Monate später ihr Bundestagswahlergebnis von 2013 um 7,9 Prozentpunkte auf 13,1 verbessert.

Minus vor allem in Gemeinden mit gutem 2017er-Ergebnis

Bei der aktuellen Wahl verloren die Liberalen jetzt aber vor allem in großen Städten und in den Gemeinden Stimmen, in denen sie 2017 gute Ergebnisse erzielten, wie die Analyse des WDR zeigt.

Dafür sehen wir uns die Wahlergebnisse in NRW nicht nur in den 64 Wahlkreisen an, sondern in allen 396 Städten und Gemeinden des Landes. Diese gleichen wir mit soziodemografischen Faktoren ab, die uns für die Kommunen vorliegen, und prüfen sie auf signifikante Zusammenhänge. Ob also bestimmte Lebensverhältnisse bei der Wahl eine Rolle gespielt haben - und andere nicht.

Unserer Analyse zufolge verzeichneten die Liberalen vor allem Verluste in Regionen, in denen viele Menschen leben, die Älter als 60 Jahre sind und viele Auspendler wohnen, also Einwohner, die für ihre Arbeit in eine andere Gemeinde fahren.

Zudem verlor die FDP verhältnismäßig besonders viele Stimmen in Gemeinden und Städten, in denen das verfügbare Einkommen pro Person durchschnittlich besonders hoch ist. Gleichzeitig standen aber die Chancen für ein gutes Ergebnis der Liberalen in genau diesen Regionen besonders gut.

Das klingt widersprüchlich, lässt sich aber einfach erklären: Dort, wo offenbar die Stammklientel der FDP wohnt, die sie 2017 wählte, entschieden sich in diesem Jahr viele für eine andere Partei.

Wie beispielsweise in Wachtberg bei Bonn, wo die Liberalen bei der Wahl vor vier Jahren noch 20,6 Prozent holten, in diesem Jahr aber anteilsmäßig die meisten Stimmen in NRW verloren: 5,8 Prozentpunkte. Aber auch in Städten wie Meerbusch im Rhein-Kreis-Neuss oder Bad Honnef, wo das FDP-Ergebnis 2017 mit 23 bzw. 19,3 Prozent überdurchschnittlich gut ausfiel, waren die Verluste 2021 mit 5,8 bzw. 4,6 Prozentpunkten besonders hoch.

Alle drei Kommunen sind unter den Top 25 im Bezug auf das durchschnittliche verfügbare Einkommen pro Person in NRW. Meerbusch belegt sogar Platz 3. Und in allen drei Kommunen erzielte die FDP trotz der Verluste auch in diesem Jahr überdurchschnittliche Ergebnisse.

Kein Plus in NRW-Großstädten

Derselbe Trend setzte sich in den Großstädten fort. Auch in Bonn, Aachen, Düsseldorf und Köln lagen die Verluste zwischen 3,8 und 2,9 Prozentpunkten - also im höheren Bereich. In allen vier Städten lagen die Stimmanteile 2017 noch mit mindestens 13,8 Prozent weit über dem Bundesdurchschnitt.

Bezeichnend ist, dass die FDP in keiner einzigen der 21 Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern zulegen konnte. Insgesamt verlor sie allein in den Großstädten mehr als 75.000 Stimmen.

Liberale punkten in eher ländlichen Gegenden

Etwas ausgleichen konnte die FDP diese Verluste vor allem durch Zugewinne in eher ländlich geprägten Regionen in NRW, wie zum Beispiel Rödinghausen im Kreis Herford. Hier verbesserte sich die Partei mit 2,7 Prozentpunkten anteilsmäßig höher als in irgendeiner anderen Kommune in NRW. Allerdings hatte sie in der 10.000-Einwohner-Gemeinde 2017 auch nur 10,7 Prozent der Stimmen geholt.

Gemeinsam hatten die Gemeinden, in denen die FDP ein Plus holen konnte, dass die Pkw-Dichte, also die Anzahl der privaten Fahrzeuge pro Einwohner, hoch war. Genau wie die Zahl der Einpendler, also der Menschen, die dort zwar nicht wohnen aber arbeiten.

Politikwissenschaftler vermutet Anti-Amts-Bonus

Prof. Stefan Marschall (Politologe) im Studiogespräch bei wdr aktuell

Der Politologe Stefan Marschall von der Uni Düsseldorf

Das reichte jedoch nicht aus, um den Minus-Trend in den großen Städten und den Kerngebieten der FDP wettzumachen. Der Politikwissenschaftler Stefan Marschall von der Uni Düsseldorf vermutet, dass dafür eine Art Anti-Amts-Bonus verantwortlich sein könnte.

Im Wahlkampf habe die FDP immer die Aussage transportieren wollen, sie stehe für einen Neuanfang, so Marschall. In NRW, wo die FDP seit vier Jahren mit in der Regierung sitzt, sei das aber schwierig zu vermitteln.

Das Team des Projekts "So hat Ihre Gemeinde gewählt" und der soziodemografischen Wahlanalyse:

René Bucken, Raimund Groß, Jannes Höke, Nandor Hulverscheidt, Jörn Kießler, Kathrin Ohlmann, Elena Riedlinger, Peter Schneider und Urs Zietan.

Mit freundlicher wissenschaftlicher Beratung von Prof. Dr. Bernd Schlipphak, Institut für Politikwissenschaften, Universität Münster.

Stand: 01.10.2021, 06:00