Wenn Bürger ihr Freibad einfach selbst betreiben

Becken in einem Freibad

Wenn Bürger ihr Freibad einfach selbst betreiben

Von Katja Goebel

  • Viele NRW-Schwimmbäder von Schließung bedroht
  • Bürger in Marl retteten vor Jahren ihr Freibad
  • Bürgerbäder leben von Vereinsbeiträgen und kostenlosem Engagement

Ein heißer Tag im August. Das Freibad Loemühle in Marl ist gut besucht. Auf den Liegewiesen liegen Familien im Schatten großer Bäume, Kindern rutschen unermüdlich ins Wasserbecken, Frauen sitzen auf bunten Badetüchern am Beckenrand, Jugendliche tauchen ab ins Blaue.

Sieht aus wie ein ganz normales Freibad. Aber diese Anlage wird von engagierten Bürgern betrieben. Sie sitzen im Kassenhäuschen, halten Umkleidekabine sauber, fegen die Beckenränder und pflegen den Rasen - alles ehrenamtlich.

Schwerer Anfang

Frau vor einem Schwimmbecken

Engagierte Bürgerin: Dagmar Kaldeweide

"Anfangs hat man uns belächelt," erzählt Dagmar Kaldeweide, Gründungsmitglied des Vereins. Das war 2009, als 30 Marler Bürger ihren Entschluss umsetzten, das Freibad zu retten. Da war das ehemals städtische Bad schon drei Jahre geschlossen. Gras wuchs über die Gehwege. Die Freiwilligen packten an, schrubbten Fliesen, suchten Spender und Sponsoren und teilten sich selber in Dienste ein.

Dauergast wird Dauerhelfer

Loemühle war nicht das einzige Schwimmbad, das geschlossen werden sollte. Im Schnitt macht in NRW jeden Monat ein Bad dicht, so die traurige Bilanz der DLRG. Kommunen fehlt oft das Geld. Im Marl gucken jetzt die Bürger selbst auf die Finanzen.

Mann fegt im Freibad

Freiwilliger Helfer: Jörg Kind

Lediglich ein Schwimmmeister, ein Hausmeister und zehn Rettungsschwimmer sind fest angestellt. So lassen sich jede Menge Personalkosten sparen. Knapp 200 Familien zahlen neben ihrem Eintritt auch noch einen geringen jährlichen Mitgliedsbeitrag.

Die Hälfte der Vereinsgründer ist ständig im Bad. Und manchmal wird auch ein Dauergast zum ständigen Helfer. So wie Jörg Kind. Der Rentner kommt, wenn er gebraucht wird. Und er wird oft gebraucht.

Bürgerbäder in NRW

WDR 5 Morgenecho - Westblick am Morgen | 03.08.2018 | 03:44 Min.

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Massive Kostenersparnis

Mann an einer Maschine

Techniker im Ehrenamt: Axel Großer

Eine Kinder-Ferienkarte, die sechseinhalb Wochen gilt, kostet 25 Euro. Aber die Sieben-Millionen-Euro-Technik kostet doch Unmengen? "Wir sind sparsam", sagt Axel Großer, der sich mit um die Technik kümmert. Nicht immer müssten zum Beispiel alle Pumpen gleichzeitig laufen. Die Stadt habe damals eine halbe Million Euro im Jahr für die laufenden Kosten ausgegeben. "Wir schaffen das mit 70.000 Euro."

Ansässige Firmen spenden Arbeitsstunden und Material, ein Landwirt schleppt Grünzeug weg. Nachbarschaftshilfe im besten Sinne.

Bürgerideen gefragt

Das Freibad ist über die Stadtgrenze hinaus bekannt: Es gibt regelmäßig Poolpartys, Hundeschwimmen oder im Winter einen Weihnachtsmarkt. "Und wir sind eine tolle Gemeinschaft", strahlt Dagmar Kaldeweide. Hat sie dennoch einen Wunsch offen? "Wir brauchen dringend jemanden, der ehrenamtlich was für uns pflastern würde."

Was sind Bürgerbäder?

Viele Bäder in NRW standen oder stehen vor dem Aus. Öffentliche Bäder sind freiwillige Leistungen der Kommunen. Rutscht die Stadt ins Minus, schließen oft zuerst die Bäder. Allein 2017 waren es 11 in NRW. Deshalb setzen sich mittlerweile viele Bürger für ihre Freibäder vor der Haustüre ein. Das Konzept heißt Bürgerbad - 100 davon gibt es derzeit in NRW.

Für ein Bürgerbad gibt es mehrere Finanzierungs-Modelle: In der Regel gründet sich ein gemeinnütziger Verein. Dieser betreibt das Bad entweder direkt oder ist Anteilseigner. Manchmal betreibt auch eine Bürgerstiftung oder eine Genossenschaft ein Bad. Finanziert wird über Eintrittsgelder, Mitgliedsbeiträge des Vereins, manchmal gibt es auch Zuschüsse der Stadt. Spender oder Sponsoren helfen mit.

Stand: 08.08.2018, 06:00

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