Bombenentschärfungen: Streit um richtigen Zeitpunkt

Bombenentschärfungen: Streit um richtigen Zeitpunkt

Von Dominik Reinle

  • Weltkriegsbomben: Entschärfung muss "unverzüglich" erfolgen
  • Die Folge: Hoher Zeitdruck bei Evakuierungen
  • Stadt Essen fordert mehr zeitlichen Spielraum

Wird in NRW eine Weltkriegsbombe gefunden, muss sie unmittelbar danach entschärft werden. Dazu unterhält das Land bei den Bezirksregierungen Arnsberg und Düsseldorf einen Kampfmittelbeseitigungsdienst (KBD).

Bevor die KBD-Teams eingreifen, muss das betroffene Gebiet geräumt werden. Das führt immer wieder zu großen logistischen Problemen. Innerhalb kürzester Zeit müssen Wohnungen evakuiert und Straßen gesperrt werden.

Essener Helfer gehen "auf dem Zahnfleisch"

Essen ist besonders betroffen. Christian Kromberg, der als Ordnungsdezernent der Stadt für die Evakuierung verantwortlich ist, sagt: "Meine Leute gehen inzwischen auf dem Zahnfleisch."

Die Belastung der Einsatzkräfte sei hoch, meint auch die Essener Feuerwehr: "Bei der dritten Bombe schon in diesem Jahr 2018 waren wir mit über 360 Helfern aus allen Sparten im Einsatz", sagt Sprecher Mike Filzen.

Auch in Bochum ist die Belastung hoch

Archiv: Sperrscheibe mit dem Zusatz Bombenentschärfung

Fliegerbomben bremsen Alltag aus

In Bochum mussten Ende Januar 2018 große Teile der Innenstadt geräumt werden - praktisch ohne Vorlaufzeit. "Klar ist, dass wenn wir ad hoc reagieren müssen, die Belastungen für uns hoch sind", sagte Simon Heußen von der Bochumer Feuerwehr. Auch für die zu Evakuierenden sei ein etwas längerer Vorlauf angenehmer.

Neue oder alte Regelung?

Für den Stress ist aus Sicht des Essener Ordnungsdezernenten Kromberg eine Regelung verantwortlich, die 2014 neu eingeführt worden sei. Bis dahin habe man "zwei bis drei Tage" mit der Entschärfung gewartet, um sich vorbereiten zu können.

Doch die beiden zuständigen Bezirksregierungen widersprechen: "Die im Jahr 2014 formulierte Verfügung stellt lediglich die Verschriftlichung der auch bis dahin geübten Praxis dar", heißt es aus Arnsberg. Düsseldorf ergänzt, man habe nur "noch einmal schriftlich darauf hingewiesen, dass Bombenblindgänger jeder Art und unabhängig vom Zündmechanismus unverzüglich zu entschärfen" seien.

Ausnahmen im Einzelfall

Auf einer Karte wird die Evakuierungzone für eine Bombenentschärfung durch einen roten und einen blauen Kreis skizziert

Evakuierungsradius in Coesfeld

Ziel sei eine Entschärfung am selben Tag, sagt die Bezirksregierung Arnsberg. Ein Verschieben "um einen oder gar mehrere Tage" sei allenfalls im Einzelfall zu verantworten. Ein solcher habe sich zum Beispiel Mitte Februar in Coesfeld ereignet.

Dort wurde eine Fliegerbombe erst am fünften Tag nach ihrer Entdeckung entschärft. Gründe für die Verschiebung seien die medizinische Situation von Bewohnern eines Altenheimes, "ungewöhnlich schwierige Bodenverhältnisse" sowie "Art, Zustand und Lage" der Bombe und deren Zünder gewesen.

Essen will im Städtetag diskutieren

Christian Kromberg bleibt dabei: Die aus seiner Sicht alte Regelung von vor 2014 habe Entlastung gebracht und jahrzehntelang funktioniert. "Die Vergangenheit zeigt, dass man sich in einer ganzen Reihe von Fällen deutlich mehr Zeit hätte lassen können."

Bombenentschärfung

Gelungene Entschärfung

Deshalb will Essens Ordnungsdezernent das Thema Mitte April beim Städtetag zur Sprache bringen. "Wir glauben, dass wir die Ausnahmetatbestände erweitern müssen", sagt Kromberg. Bislang seien diese auf Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und Justizvollzugsanstalten beschränkt.

Mittlerweile hat das Thema auch die Politik erreicht: Die NRW-SPD hat dazu eine kleine Anfrage an die schwarz-gelbe Landesregierung gestellt.

Stand: 13.03.2018, 06:00