Billig-Stromanbieter: Abzocke als Geschäftsmodell?

Stand: 06.04.2022, 06:59 Uhr

Billig-Stromanbieter wollen günstig sein. Doch mehrere haben nach WDR-Recherchen Kunden offenbar jahrelang systematisch abgezockt und ihnen Rückzahlungen, die etwa durch zu viel bezahlte Abschläge entstanden sind, vorenthalten.

Das Telefon klingelt. Am anderen Ende der Leitung: eine Seniorin. "Ich bin Rentnerin, ich bekomme eine Rente von 900 Euro und ich muss 800 Euro nachzahlen", erzählt sie völlig außer sich einem Kundenbetreuer, der für einen Dienstleister aus dem Bereich Energieversorgung gearbeitet hat. Die Frau sei völlig ratlos gewesen: "Wie soll ich das bezahlen? Was soll ich denn da jetzt machen?"

Er habe versucht, sie zu beruhigen - und dann etwas herausgefunden: Die Anrufende hatte demnach vier Jahre lang kein Guthaben von ihrem Billig-Stromanbieter ausgezahlt bekommen, und zwar durchschnittlich 300 Euro. Insgesamt hätte sie ein Guthaben von 1.200 Euro gehabt. Geld, das der Frau vorenthalten wurde.

Eine Foto-Montage von Betroffenen von Abzocke mit billigem Strom, welche von Billigstrom-Anbietern unter anderem ihre Guthaben nicht ausgezahlt bekommen haben.

Viele Kunden haben nach WDR-Recherchen ihre Guthaben nicht ausgezahlt bekommen.

Das, was der Seniorin widerfahren ist, ist offenbar kein Einzelfall. Mehrere Billig-Stromanbieter haben nach WDR-Recherchen ihrer Kundschaft jahrelang Guthaben, die etwa durch Boni oder zuviel bezahlte Abschläge entstanden sind, augenscheinlich systematisch vorenthalten. Ausgezahlt wurden die Gelder in drei- oder vierstelliger Höhe demnach nur, wenn Kundinnen und Kunden sich beschwert haben.

Dem WDR wurden tausende Dokumente zugespielt

Der WDR war der Sache auf die Spur gekommen, als der Redaktion tausende Dokumente mit Rechnungen von Billig-Stromanbietern an Kundinnen und Kunden zugespielt wurden. Reporter haben stichprobenartig mehr als Hundert Empfängerinnen und Empfänger dieser Rechnungen kontaktiert und sie gebeten zu prüfen, ob ihnen zustehende Guthaben ausgezahlt wurden. Bei einem Stromversorger hatten den Recherchen zufolge rund drei Viertel der Kunden ihnen zustehende Gelder nicht bekommen.

Bei einem Dienstleister, der für viele Billig-Stromanbieter die Abrechnungen übernimmt, gab es den Recherchen zufolge offenbar die Anweisung, Guthaben nur dann auszuzahlen, wenn Kundinnen und Kunden explizit danach fragen. Mehrere ehemalige Beschäftigte des Dienstleisters, darunter der eingangs erwähnte Kundenbetreuer, erzählten dem WDR, dass ihnen mit einer Abmahnung beziehungsweise im Wiederholungsfall mit einer Kündigung gedroht worden sei, sollten sie von sich aus Kunden über bestehende Guthaben informieren. Der Dienstleister bestreitet das.

Haben es manche auf hohe Guthaben angelegt?

Experten vermuten hinter der Abrechnungspraxis System. Die Häufigkeit der Fälle, wie auch die Festlegung viel zu hoher Abschläge zum Teil über Jahre hinweg, legten den Schluss nahe, dass man es offenbar auf hohe Guthaben angelegt habe. Manche Strom-Discounter hätten wenig Interesse an zufriedenen Kunden, sie wollten vielmehr das meiste aus den Kunden herausholen, sagt Udo Sieverding von der Verbraucherzentrale NRW.

Sie wüssten, dass viele Kunden in Zeiten, in denen aus Preisgründen häufig der Anbieter gewechselt wird, nicht lange bleiben. "Und dann muss man natürlich schauen, dass man in der Zeit, wo man die Kunden hat, möglichst viel reinbekommt und möglichst wenig ausgibt", so Sieverding gegenüber dem WDR.

Leonora Holling am Schreibtisch.

Aus Sicht von Leonora Holling vom Bund der Energieverbraucher dürfte es hohe Guthaben eigentlich gar nicht geben. "Man soll eigentlich ungefähr das an Vorauszahlung bezahlen, was man nachher auch als Rechnung hat", sagt sie dem WDR. Kunden, die Abschläge in relativ hoher Höhe leisteten, könnten von vornherein davon ausgehen, dass sie mindestens die Hälfte bis Dreiviertel wieder zurückbekommen. Oder eben nicht.

Staatsanwaltschaft ermittelt gegen neun Beschuldigte

Und was sagen die Energieanbieter selbst zu den Vorwürfen? Keine der kontaktierten Firmen hat auf Anfragen des WDR reagiert. Der Dienstleister, der sich um die Abrechnungen kümmert, bestreitet die Vorwürfe. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft Köln in dieser Angelegenheit gegen insgesamt neun Beschuldigte. Wegen des Tatvorwurfs des Betrugs.

Über dieses Thema berichten wir heute auch im WDR Fernsehen: Markt, 20.15 Uhr.

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