Berthold Beitz - der letzte Ruhrbaron

Berthold Beitz - der letzte Ruhrbaron

Von Susanne Schnabel

Berthold Beitz hat Zeitgeschichte geschrieben. An der Spitze bei Krupp war er über Jahrzehnte einer der einflussreichsten Männer der deutschen Wirtschaft. Hier Stationen seines Lebens.

Berthold Beitz war einer der wichtigsten Wirtschaftsführer Deutschlands. Geboren wurde er 1913 in Zemmin, einem kleinen Ort in Vorpommern. Er war ein Junge vom Lande, der als erster Sohn einer Kinderfrau und eines Wachtmeisters in bescheidenen Verhältnissen aufwuchs.

Berthold Beitz war einer der wichtigsten Wirtschaftsführer Deutschlands. Geboren wurde er 1913 in Zemmin, einem kleinen Ort in Vorpommern. Er war ein Junge vom Lande, der als erster Sohn einer Kinderfrau und eines Wachtmeisters in bescheidenen Verhältnissen aufwuchs.

Nach Abitur und Banklehre arbeitete er ab 1939 in der Mineralölindustrie. Zwischen 1941 und 1944 rettete Beitz als kaufmännischer Leiter der Karpathen Öl AG im besetzten Polen mehr als 100 Juden, indem er sie als unabkömmlich für seine kriegswichtige Firma einstufte. "Alle Beteiligten verhielten sich damals so als sei es normal, am helllichten Tag eine Jüdin zu erschießen, während ihr kleines Kind daneben stand", erinnerte sich Beitz später.

Sein Weg zu einem der mächtigsten Industriellen Deutschlands begann mit einem Zufall: Berthold Beitz und Alfried Krupp begegneten sich 1952 im Atelier eines Essener Bildhauers. Die beiden unterschiedlichen Männer freundeten sich an.

Beitz war der junge, lebensfrohe, sozial bestens vernetzte Versicherungsdirektor aus Norddeutschland und Krupp der schweigsame Industrielle mit dem traditionsreichen Namen. Eine interessante Verbindung ...

... zumal die Firma Krupp im zweiten Weltkrieg Waffen für Hitlers Regime produziert hatte. Alfried Krupp, der 1943 den Essener Krupp-Konzern und damit einen Teil der Schuld an den Nazi-Gräuel geerbt hatte, war von der Haft im Kriegsverbrechergefängnis Landsberg gezeichnet und suchte eine starke Hand für den Wiederaufbau des Stahlkonzerns.

Berthold Beitz hatte anfangs keine sehr hohe Meinung vom Ruhrgebiet. Er sagte einmal, als er durch das Ruhrgebiet fuhr, "Hier möchte ich nicht tot über dem Zaun hängen!" Krupp überzeugte ihn mit einem unwiderstehlichen Angebot: Beitz bekam Generalvollmacht.

In einem der größten und wichtigsten deutschen Industriebetriebe konnte er als Generalbevollmächtigter ab 1953 handeln und entscheiden wie ein Eigentümer. Später sagte Beitz über die Entscheidung: "Ich war vielleicht nicht von dem Abenteuer, sondern mehr von der Person von Alfried Krupp so beeindruckt und hatte das Gefühl, das sollst du machen."

Für Krupps Direktoren war Beitz ein Schock - ein Mann von außen ohne Ahnung vom Stahlgeschäft. Sie hielten ihn für eine schräge Laune Alfried Krupps. "Dass ich nicht mit offenen Armen empfangen worden bin, das ist doch klar. Ich kam ja aus sehr kleinen Verhältnissen aus Pommern, war jung und nicht studiert", sagte Beitz. Er biss sich durch und tauschte rigoros die alte Garde aus.

Selbstbewusst etablierte Berthold Beitz seinen eigenen Stil und das Unternehmen blühte auf. Hatte es 1951 noch 13.000 Mitarbeiter gehabt, waren es zehn Jahre später 113.000.

Krupps einziger Sohn Arndt von Bohlen und Halbach aus erster Ehe wollte die Nachfolge als Firmenlenker nicht antreten und verzichtete 1966 nach einem Gespräch mit Berthold Beitz auf mehrere Milliarden Mark. Beitz sagte dazu: "Arndt war hochbegabt, aber er hatte nicht den Willen, in dieser Zwangsjacke eines Firmenchefs von morgens bis abends hier am Schreibtisch zu sitzen."

Berührungsängste waren Beitz fremd. Mitten im Kalten Krieg machte er Geschäfte hinter dem Eisernen Vorhang. Nach einer Reise durch die Sowjetunion sagte der Krupp-Generalbevollmächtigte in einem Interview: "Wir sind der Meinung gewesen, wir müssen miteinander reden und nicht nur miteinander schimpfen."

Bildung, Sport und Kunst spiegelten sich im ganzen Leben von Beitz wider. Der begeisterte Segler und Ruderer war Mitglied im nationalen und internationalen Olympischen Komitee. Hier gratulierte er Rosi Mittermaier nach ihrem Sieg im Spezial-Slalom bei den Olympischen Winterspielen von Innsbruck 1976.

In seinem langen Leben hat Berthold Beitz viele Ehrungen erhalten. Zum Beispiel verlieh ihm 1973 die israelische Gedenkstätte Yad-Vashem den Ehrentitel "Gerechter unter den Völkern". Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, übergab ihm 2010 die Moses-Mendelssohn-Medaille.

2013 musste Aufsichtsratschef Gerhard Cromme, Beitz langjähriger Weggefährte und Kronprinz, völlig überraschend abtreten. Das war Beitz letzte große Entscheidung.

Berthold Beitz starb am 30. Juli 2013 im Alter von 99 Jahren - am gleichen Todestag wie sein Freund und Mentor Alfried Krupp im Jahr 1967. Rund 400 prominente Gäste erwiesen Beitz bei der Trauerfeier die letzte Ehre.

Der damalige Bundespräsident Joachim Gauck sagte, Beitz habe Deutschland "besser, schöner und menschlicher gemacht". Berthold Beitz Grab liegt in Essen-Bredeney in Sichtweite von Alfried Krupps Ruhestätte, jenes Menschen der sein Leben Jahrzehnte lang bestimmt hat.

Stand: 15.01.2020, 06:00 Uhr