Neue Studie: Kinder sind noch größeres Armutsrisiko für Familien

Neue Studie: Kinder sind noch größeres Armutsrisiko für Familien

Kinder sind ein noch größeres Armutsrisiko für Familien, als Forscher bisher angenommen haben. Zu dem Schluss kommt eine neue Studie der Bertelsmann-Stiftung.

Kind allein auf einer Schaukel, im Hintergrund eine Hochhaussiedlung in Köln-Meschenich

Vor allem arme Familien seien bisher reicher gerechnet worden, als sie tatsächlich sind, stellten die Forscher fest. Die finanzielle Belastung durch Kinder sei bisher nicht entlang der Realität berechnet worden, sagt Martin Werding, Professor für Sozialpolitik an der Ruhr-Universität Bochum und einer der Verfasser der neuen Studie.

WDR.de: Herr Werding, was lief bisher falsch?

Martin Werding, Professor für Sozialpolitik, Ruhr-Universität Bochum

Martin Werding, Professor für Sozialpolitik

Prof. Martin Werding: Bisher wurde die Einkommenssituation von Haushalten nach einem simplen Schema verglichen: Das Einkommen einer vierköpfigen Familie, eines Paares ohne Kinder und dem eines Singles beispielsweise wurde immer in gleiche Relation zum Bedarf gesetzt. Dabei sind tausend Euro für die einen nicht dasselbe wir für die anderen. Vor allem Haushalte am unteren Einkommensrand werden dabei falsch eingeschätzt.

WDR.de: Was heißt das genau?

Werding: Nach der OECD-Skala beansprucht jedes hinzukommende Kind grundsätzlich 30 Prozent des jeweiligen Einkommens. Eine Familie, die 1.000 Euro ohne Kind hätte, bräuchte demnach mit einem Kind 1.300 Euro, eine Familie, die ohne Kind 4.000 Euro hat, bräuchte 5.200 Euro. Dieser gleichbleibende Aufschlag ist aber falsch.

WDR.de: Warum?

Werding: Eine besser ausgestattete Familie, die zusammen lebt, kann mehr einsparen, als eine ärmere. Zum Beispiel beim Wohnraum: Da lässt sich ein weiteres Kind noch im vorhandenen Kinderzimmer unterbringen, oder man gibt das bisherige Arbeitszimmer oder Gästezimmer auf.

Eine einkommensschwache Familie, die ohnehin sehr beengt lebt, ist gezwungen, in eine größere Wohnung umzuziehen. Die Zusatzkosten für ein weiteres Familienmitglied sind für einkommensschwache Haushalte sehr viel höher, als für reichere.

WDR.de: Sind Kinder demnach ein Armutsrisiko?

Alleinerziehende Mutter

Alleinerziehende trifft es besonders hart

Werding: Ja. Familien mit intaktem Elternpaar und ein oder zwei Kindern profitieren oft von Errungenschaften wie Vereinbarkeit, Kinderbetreuung usw. Aber speziell Alleinerziehende oder Eltern mit mehreren Kindern und geringem Einkommen geraten häufig unter großen Druck.

WDR.de: Welche Konsequenzen fordern Sie?

Werding: In der Armutsforschung sollten einkommensabhängige Skalen verwendet werden. Wenn wir genauer wissen, wo Kinderarmut entsteht, könnten tatsächliche Bedarfe gedeckt werden. Das würde gegen eine allgemeine Kindergelderhöhung sprechen und dafür, finanzielle Leistungen für Familien eher auf einkommensschwache Familien zu konzentrieren. Für einkommensstärkere Familien ist mehr Geld schön, aber nicht wirklich nötig.

Das Interview führte Nina Magoley.

Stand: 07.02.2018, 06:30