Nach Anzeige von WDR-Reporterin: Behörden ermitteln gegen Ex-Staatspräsidenten

Ehemaliger Französischer Staatspräsident Valery Giscard d'Estaing

Nach Anzeige von WDR-Reporterin: Behörden ermitteln gegen Ex-Staatspräsidenten

  • WDR-Journalistin stellt Strafanzeige gegen Giscard d‘Estaing
  • Französische Behörden ermitteln gegen Ex-Präsident
  • Vorwurf der sexuellen Belästigung bei Interview

Die Staatsanwaltschaft in Frankreich untersucht jetzt den Fall: Die WDR-Journalistin Ann-Kathrin Stracke hatte den ehemaligen französischen Staatspräsidenten Valéry Giscard d'Estaing angezeigt. Es sei keine einfache Entscheidung gewesen, berichtet die Reporterin. "Ich habe mehr als drei Mal überlegt, ob ich das tue." Er sei ein mächtiger Mann gewesen - und sei es teilweise immer noch. Sie wirft ihm sexuelle Belästigung nach einem Interview vor.

Ein zunächst gutes Interview

Ann-Kathrin Stracke arbeitet für die Aktuelle Stunde an einem Beitrag. Es geht um den 100. Geburtstag von Helmut Schmidt. Einer von Schmidts Wegbegleitern war Valéry Giscard d’Estaing: Frankreichs Staatsoberhaupt, als Schmidt regierte. Das Verhältnis galt als eng. Ann-Kathrin Stracke bittet Giscard d’Estaing daher um ein Interview. Er sagt zu.

Ann-Kathrin Stracke

Ann-Kathrin Stracke

Mit einem Kamerateam fährt Stracke am 18. Dezember 2018 nach Paris. Giscard d’Estaing ist zu diesem Zeitpunkt 92 Jahre alt. In seinem Büro erzählt er der WDR-Reporterin lebhaft und ausführlich von seinen Erinnerungen.

"Es war ein sehr, sehr gutes Interview", erinnert sich Stracke heute gegenüber dem WDR. "Er konnte sich an viele Details erinnern."

Bis zu diesem Punkt verläuft alles normal. Das habe sich allerdings geändert, als sich das Fernsehteam und der ehemalige Staatspräsident nach dem Gespräch für ein Gruppenfoto aufstellen.

Mehrfache Berührungen

"Während des Fotos ist die Hand von Monsieur Giscard d’Estaing auf meine Taille gewandert. Dann Richtung linke Gesäßhälfte. Und dort verharrt", sagt Ann-Kathrin Stracke. "Ich habe versucht, die Hand wegzudrücken. Es ist mir nicht gelungen." Sie sei überrascht gewesen, wie viel Kraft der 92-Jährige hatte.

Es bleibt nicht bei dieser einen Berührung. Das Foto musste aus technischen Gründen wiederholt werden, erzählt die WDR-Reporterin. Erneut habe der Politiker sie am Gesäß berührt.

Dabei ist es aber nicht geblieben, berichtet Stracke. Sie habe sich mit dem Alt-Präsidenten Erinnerungsbilder an einer Wand angeschaut. "Ich habe versucht, Distanz zu schaffen, weil ich diese Situation maximal unangenehm fand", sagt die WDR-Reporterin. "Weil ich diesem Mann nicht so nah sein wollte." Irgendwann habe sie aber nicht mehr ausweichen können - ein Regal versperrte den Weg.

Der Kameramann des WDR-Teams half Stracke aus der Situation: Er habe absichtlich einen Lampenschirm fallen lassen.

Protestschreiben an das Pariser Büro

Nach der Dienstreise bezeugte Strackes Kollege die Belästigung – und gab sie später auch bei einem Anwalt zu Protokoll.

"Wir haben eine externe Anwaltskanzlei eingeschaltet", berichtet Jörg Schönenborn, Programmdirektor Information, Fiktion und Unterhaltung des WDR. Viele Möglichkeiten habe man in solchen Fällen aber zunächst nicht.

Der Sender schickte am 11. Juni 2019 ein Protestschreiben an das Pariser Büro von Giscard d’Estaings. Darin heißt es unter anderem: "Wir können nicht tolerieren, dass unsere Mitarbeiter mit solchen Situationen konfrontiert werden."

Das Pariser Büro Giscard d’Estaings antwortete circa einen Monat später, im Juli 2019. Man habe den Protestbrief zur Kenntnis genommen.

Ann-Kathrin Stracke hat Mitte März in Frankreich gegen den ehemaligen Staatspräsidenten Strafanzeige gestellt. Der WDR hat Giscard d’Estaing danach um eine Stellungnahme gebeten. Sein Anwalt teilte am Montag (04.05.2020) mit: "Das Büro des Präsidenten erklärt, keine Kenntnisse von dieser gerichtlichen Initiative zu haben und bittet mich, Ihnen mitzuteilen, dass es folglich keine Reaktion abgibt.“ Außerdem heißt es, man behalte sich rechtliche Schritte im Falles eines entstandenen Schadens vor.

Der Süddeutschen Zeitung allerdings teilte das Büro Giscard d'Estaings mit, dieser könne sich weder an die Situation, noch an das Interview erinnern. Bürochef Olivier Revol sagte in einem Telefonat mit der Zeitung, es tue Giscard d'Estaing sehr leid, wenn die Vorwürfe stimmen sollten. Revol wies auf das hohe Alter Giscard d'Estaings hin.

Die WDR-Reporterin Ann-Kathrin Stracke hat sich dazu entschlossen, mit dem Geschehen an die Öffentlichkeit zu gehen. "Ich finde, die Menschen sollen das wissen."

Stand: 12.05.2020, 17:09

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