Streit der Gewerkschaften: Warum die Bahn gerade nicht fährt

Streit der Gewerkschaften: Warum die Bahn gerade nicht fährt

Zugausfälle, Verspätungen: Der Streik der GDL hat aktuell den Bahnverkehr in Deutschland ausgebremst - zum Verdruss von Pendlern und Urlaubern. Worum es bei dem Tarifkonflikt geht.

"Zug fällt aus" oder "Eingeschränktes Zugangebot": Solche Hinweisschilder sind an den Gleisen in Deutschlands Bahnhöfen seit Donnerstagfrüh gang und gäbe. Bis kommenden Dienstagmorgen hat die Gewerkschaft der Lokführer (GDL) ihre Mitglieder zu Streiks aufgerufen. Fünf Tage Zugausfälle oder Verspätungen an einem Stück - Berufspendler und Urlauber sind genervt. Schließlich ist es die inzwischen dritte Streikwelle.

Zwei Gewerkschaften konkurrieren um die Gunst der Bahn-Beschäftigten

Worum geht es der GDL überhaupt? Auf den ersten Blick - klar - um eine bessere Bezahlung ihrer Mitglieder. Aber es geht um viel mehr: Um Macht, Einflussnahme, Bedeutung beim großen Konzern Bahn. Denn bei dem Unternehmen stehen zwei Gewerkschaften in Konkurrenz zueinander, beide buhlen um die Gunst derselben Berufsgruppen. Auf der einen Seite steht die GDL mit 37.000 Mitglieder. Ihr gegenüber steht die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG, die fast fünfmal so viele Mitglieder wie die GDL hat - nämlich 184.000.

Tarifeinheitsgesetz gilt bei der Bahn seit Januar

Lange Zeit war es üblich, dass es Sache der GDL war, Tarifverträge für Lokführer, Zugbegleiter oder Bordgastronomen auszuhandeln. Die EVG hatte das Aushandeln von Tarifverträgen für alle anderen Beschäftigten auf dem Schirm, allerdings auch für Lokführer. Das führte dazu, dass es in einigen Unternehmensbereichen zwei Tarifverträge gab. Die Beschäftigten konnten sich dann für einen von beiden entscheiden. Unter dem Strich war aber in den Tarifverträgen das Gleiche festgezurrt.

Dann kam das Jahr 2021. Seitdem gilt bei der Bahn das Tarifeinheitsgesetz. Konkret bedeutet das, dass bei konkurrierenden Tarifverträgen derjenige einer Gewerkschaft gilt, die mehr Mitglieder im Betrieb vorweisen kann. Rund 300 Einzelbetriebe gibt es bei der Bahn, in 71 davon gibt es nunmehr konkurrierende Tarifverträge. 16 von diesen 71 Einzelbetrieben können laut Bahnvorstand der GDL zugerechnet werden, 55 der EVG. Die GDL zweifelt diese Zahlen an und geht dagegen gerichtlich vor.

GDL fürchtet um ihre Existenz - und gibt sich daher kämpferisch

Das Tarifeinheitsgesetz ließe sich übrigens durch eine Einigung zwischen den Tarifparteien außer Kraft setzen. Die Bahn hatte Mitte Juli vorgeschlagen, dass bei ihr künftig die Tarifverträge der beiden Gewerkschaften in einem Betrieb nebeneinander zur Anwendung kommen. Für ein GDL-Mitglied würde dann das GDL-Tarifwerk gelten, für ein EVG-Mitglied das EVG-Tarifwerk. Nicht organisierte Beschäftigte könnten zwischen einem der beiden Tarifwerke wählen. Dies lehnte die GDL Ende Juli aber ab.

Warum? Das Tarifeinheitsgesetz ist eine Gefahr für die Existenz der GDL - gelingt keine Einigung, droht die Gewerkschaft an Bedeutung zu verlieren. Der Arbeitskampf ist deshalb auch ein Kampf um mehr Mitglieder. In den vergangenen 14 Monaten seien 4.000 Menschen der GDL beigetreten, die Gewerkschaft wolle auch Tarifverträge für Fahrdienstleiter und Werkstattmitarbeiter in der gesamten Infrastruktursparte der Bahn abschließen, sagte GDL-Chef Claus Weselsky. Ihm zufolge ist dies ein "klares Ziel" des Streiks. Eine Kampfansage in Richtung EVG ist es in jedem Fall.

Bahn-Tarifstreit: "Betriebsklima geht den Bach runter"

WDR 5 Mittagsecho 02.09.2021 04:12 Min. Verfügbar bis 02.09.2022 WDR 5


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Stand: 02.09.2021, 17:38

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