Baerbock: Gerechtfertigte Kritik oder Kampf um "männliche Normalität"

Baerbock: Gerechtfertigte Kritik oder Kampf um "männliche Normalität"

Fragen zum Stipendium und Datum des Parteieintritts: Die Kritik an der Grünen-Kanzlerkandidatin Baerbock reißt nicht ab. Aus Sicht der Politikwissenschaftlerin Dorothee Beck soll so "die männliche Normalität" wiederhergestellt werden.

Am Samstag hatte Grünen-Co-Parteichef Robert Habeck in der Süddeutschen Zeitung noch klargestellt: Einen Wechsel von Annalena Baerbock zu ihm als Kanzlerkandidaten werde es nicht geben. Das sei "Kokolores".

Doch die Reihe an Vorwürfen und kritischen Nachfragen reißt nicht ab: Hat Baerbock ihr Promotionsstipendium zu Recht erhalten, obwohl sie diese Arbeit nie abgeschlossen hat? Die grüne Spitzenfrau hat die Heinrich-Böll-Stiftung nach entsprechenden Medienanfragen gebeten, ihr Stipendium "noch einmal zu betrachten".

Die "Welt am Sonntag" berichtet nun, in älteren Versionen ihrer Website habe Baerbock einen zu frühen Zeitpunkt ihres Parteieintritts bei den Grünen aufgeführt – 2004 statt 2005. Einen ungenauen Umgang mit Daten in ihrem Lebenslauf wurde ihr schon zuvor vorgeworfen.

Auch stand Baerbock in der Kritik, weil sie Sonderzahlungen der Partei verspätet an den Bundestag gemeldet hatte. Und in ihrem Buch "Jetzt. Wie wir unser Land erneuern" waren auffallende sprachliche Ähnlichkeiten zu anderen Veröffentlichungen bekannt geworden.

Beck: "Kritischer Ausnahmezustand soll beendet werden"

Wie kommt es dazu? Sind das alles in erster Linie Fehler und Nachlässigkeiten von Baerbock und ihrem Team? Oder wird sie als weibliche Kanzlerkandidatin von Medien und anderen Parteien besonders scharf angegangen? Zumal sie aus einer Partei kommt, die erstmals ins Kanzleramt einziehen will?

Politikwissenschaftlerin Dorothee Beck forscht zu Politik, Medien und Geschlecht. In der "Aktuellen Stunde" sagte sie am Samstag: "Frauen werden schärfer angegriffen, weil sie das männliche System in der Politik in Frage stellen. Es ist ein kritischer Ausnahmezustand, der beendet werden soll."

Auch 16 Jahre unter einer Kanzlerin Merkel hätten daran nichts geändert: "Es geht jetzt darum zu verhindern, dass eine Frau an der politischen Führungsspitze tatsächlich zur Normalität wird. Man hat das eine Generation Merkel lang ertragen. Jetzt soll wieder ein Mann ran. Diese Normalität soll es noch nicht geben. Die männliche Normalität soll wieder hergestellt werden", so Beck.

Annalena Baerbock habe es zudem besonders schwer: "Sie zeigt Ehrgeiz, sie will die Kanzlerschaft tatsächlich haben, sie wird einem Mann vorgezogen, nämlich Herrn Habeck. Es wird deswegen genauer hingeguckt, kann sie das überhaupt? Oder ist Habeck nicht vielleicht qualifizierter?"

Süssmuth: "alte Muster"

Die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (CDU) sprach in der "Aktuellen Stunde" von "alten Mustern": Frauen seien zu emotional, könnten das nicht, hielten nicht durch. Es ginge um eine Schwächung der Persönlichkeit, die Herabsetzung ihrer Glaubwürdigkeit.

Schäuble: "Ganz normaler Wahlkampf"

Gelassener gibt sich der aktuelle Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU). Er erwartet auch angesichts des Umgangs mit Baerbock einen "ganz normalen Wahlkampf". Das sagte er der "Bild am Sonntag". Die massive Kritik an Baerbock hält Schäuble demnach zwar für "aufgebauscht", doch gehöre das zum Wahlkampf dazu. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hatte dagegen vor einigen Tagen im ZDF vor einer "Schlammschlacht" im Wahlkampf gewarnt.

Stand: 12.07.2021, 05:51

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