Ein Tag in Bad Neuenahr: "Meine Heimat gibt es so nicht mehr"

In Bad Neuenahr werden von Anwohnern Straßen freigeräumt.

Ein Tag in Bad Neuenahr: "Meine Heimat gibt es so nicht mehr"

Von Martin Schütz

Die Flutkatastrophe hat Teile des Rheinlands verwüstet. Vor Ort kämpfen die Menschen um den Erhalt ihrer Heimat. Auch an der Ahr ist die Situation katastrophal. Unser Kollege Martin Schütz kommt aus Bad Neuenahr und schildert hier seine ganz persönlichen Eindrücke aus seiner Heimatstadt.

Ich bin in Bad Neuenahr geboren und aufgewachsen. Zum Glück haben meine Eltern ihr Haus an einem Hanggrundstück gebaut, das Wasser hat sie nicht erreicht. Ihnen geht es gut. Etwas unterhalb besitzt einer meiner besten Freunde ein Haus, er hat es von seiner Mutter übernommen. Vermutlich muss es abgerissen werden, die Ahr hat es geflutet. Als das Flusswasser das Erdgeschoss wieder frei gegeben hat, hat es Matsch, Chaos und Zerstörung hinterlassen.

In Bad Neuenahr wurden durch Hochwasser und Überschwemmungen viele Autos gestapelt.

Durch Hochwasser und Überschwemmungen wurden Autos gestapelt.

Selbst Kleinigkeiten fehlen den Bewohnern, wenn sie ihre Häuser vom Schlamm befreien wollen, meinem Freund sogar simple Arbeitshandschuhe, möglichst aus Gummi und wasserdicht. Drei Packungen konnte ich in einem Baumarkt auftreiben, sie stecken in meinem Rucksack, als ich bei meinen Eltern aufbreche und zu seinem Haus fahre. Das alte Rad meines Vaters hilft mir auf den ersten Metern, dann komme ich unten in der Mittelstraße an. Es beginnt das, was mich an Bilder aus einem Zombie-Film erinnert.

Es riecht nach Öl und Matsch

Die Überreste einer Brücke an der Ahr sind zu sehen.

Die Überreste einer Brücke an der Ahr.

Ich kann erstmal nicht weiterfahren. In den vergangenen Tagen habe ich die Szenerie schon dutzende Male im Fernsehen gesehen, Fotos von Freunden und Verwandten geschickt bekommen. Aber die Realität lähmt mich. Autos sind aufeinander getürmt, Straßenecken quellen über. Möbel, die mal der Stolz ihrer Besitzer waren, die ihre Wohnzimmer behaglich gemacht haben, sind zu einer braunen Masse verkommen. Häuserfronten sind verschmiert.

Die Straße ist glitschig, teilweise noch immer knöcheltief mit Matsch verkleistert. Es riecht eigentümlich. Es ist eine Mischung aus Schlamm, der in der Sonne trocknet, Öl und Benzin, dem Geruch klammer Wäsche, die zu lange in der Maschine lag und vergessen wurde.

Wenn der Ausnahmezustand Alltag wird

Ein Einsatzfahrzeug fährt über eine überschwemmte Straße in Bad Neuenahr.

Ein Einsatzfahrzeug fährt über eine überschwemmte Straße in Bad Neuenahr.

Die Bewohner der Mittelstraße lähmt das nicht mehr. Die Tragödie ist für sie Alltag geworden. Sie schliddern durch den Matsch, trocknen ihre Keller und Wohnungen, schmeißen das weg, wofür sie lange schuften mussten. Das Rad dient mir in dem Matsch nur noch als Stütze, immer häufiger ist es eine Last. Viele Einsatzfahrzeuge sind unterwegs und brauchen Platz. Sie bringen Getränke und Essen, Pumpen, Arbeitskräfte. Immer wieder fahren Polizeifahrzeuge durch die Straße. Zu groß soll die Versuchung bei Plünderern wohl nicht werden, hier leichte Beute machen zu können.

  • Teil 1/2 - Ein Tag in Bad Neuenahr: "Meine Heimat gibt es so nicht mehr"
  • Teil 2/2

Stand: 18.07.2021, 19:27

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