Die Bielefelder Altstadt von oben

Autofreie Innenstädte: Was Städte in NRW planen - und ob es gelingt

Stand: 28.02.2022, 06:00 Uhr

Fußgänger, Radfahrer und Autos müssen sich in NRWs Innenstädten wenig Raum teilen. Mehrere Städte wollen die Situation entschärfen - meist gegen Widerstände.

Von Elisa Sobkowiak

Mittagspause, Feierabend, Schlafenszeit - und endlich Ruhe. Oder? Wer in einer der großen Städte in NRW wohnt, bringt mit vermeintlich ruhigen Tageszeiten wohl nicht nur sanftes Vogelgezwitscher in Verbindung. Genauer sind es laut NRW-Umweltministerium schätzungsweise 1,4 Millionen Menschen, die täglich Lärmbelastungen von bis zu 65 Dezibel ausgesetzt sind.

Städte wollen mehr Lebensqualität

Besonders betroffen sind davon Ballungsräume wie Aachen, Köln, Dortmund, Münster oder auch Recklinghausen und Wuppertal. In vielen dieser Städte könnte sich die Situation in den kommenden Jahren aber bald ändern.

"Mehr Aufenthaltsqualität in Innenstädten"

WDR 5 Westblick - aktuell 20.01.2022 05:08 Min. Verfügbar bis 20.01.2023 WDR 5


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In Bielefeld zum Beispiel wurde die Altstadt in einem Pilotprojekt für neun Monate zu einer autofreien Zone. Straßen wurden vom Verkehr abgekoppelt, Parkplätze am Straßenrand aufgelöst und durch Sitzbänke und Tischtennisplatten ersetzt. Pfosten versperrten den Weg für Parkplatzsuchende, machten damit Platz für Pflanzenkübel.

"Der öffentliche Raum ist begrenzt, und wenn wir ihn gut nutzen wollen, brauchen wir mehr Grün, mehr Sicherheit und weniger Lärm", sagt Olaf Lewald. Er leitet das Bielefelder Verkehrsamt und verantwortet das Projekt "altstadt.raum".

Kritik von Einzelhandel und Anwohnern

Im konkreten Fall Bielefeld mache der Autoverkehr 50 Prozent aus. Dieser Wert soll sich bis 2030 halbieren. Der aktuelle Umweltbericht IPCC, der an diesem Montag mit vermutlich neuen Warnungen zu Erderwärmung und Klimawandel veröffentlicht wird, wird Olaf Lewald und seinen Kollegen Rückenwind verschaffen.

Doch es gibt auch Kritik an der autofreien Zone: Der von Corona ohnehin gebeutelte Einzelhandel beklagt weniger Kunden. Anwohner beschweren sich über längere Fuß- und Autofahrer über mehr Umwege. Für einen Bereich entschied ein Gericht sogar: Die Sperrung für Autos ist rechtswidrig, muss detaillierter ausgearbeitet werden.

Jetzt läuft die Pilotphase in Bielefeld aus. Kritiker sprechen von einem Scheitern des Projekts, die Stadt aber will weitermachen und Maßnahmen wie Poller und Sitzbänke dauerhaft installieren.

Kritik gab es zuletzt auch in Dortmund: Auch hier mussten viele Parkplätze für Anwohner ersatzlos einer Fahrradstraße weichen. Und in diesem Fall ist das erst der Anfang von insgesamt 82 Kilometern Radwegen, die die Stadt für die kommenden zehn Jahre plant.

Straße in der Altstadt, auf dem Parkstreifen sind Tische und Stühle für Gäste der Außengastronomie

Gastronomie statt Parkplätzen

Zurück zum Vogelzwitschern-Szenario: Mittagspause, Feierabend oder Schlafenszeit von Altstadt-Anwohnerin Dania in Bielefeld waren im vergangenen Jahr zwar weniger von Verkehrslärm geprägt. Aber: "Die Lärmbelästigung, auch gerade wenn hier Leute dann abends oder auch nachts die Sitzmöglichkeiten nutzen, ist noch schlechter als vorher", sagt sie.

Anwohner brauchen Transparenz und Kommunikation

Mobilitätsforscherin Anne Klein-Hitpaß

Anne Klein-Hitpaß

Anne Klein-Hitpaß ist Mobilitätsforscherin beim Deutschen Institut für Urbanistik. Sie sagt: "Bei Veränderungen wie diesen gibt es immer Widerstand: Gewerbetreibende sorgen sich um ihre Umsätze, Anwohner um die Nachtruhe, Pendler um die Umwege." In Städten wie Gent und Wien beispielsweise habe sich ein solcher Widerstand aber letztlich aufgelöst.

"Die Leute beschweren sich eher über Parkbänke als über Parkplätze und Verkehrslärm", sagt Klein-Hitpaß – oder wie es Olaf Lewald aus Bielefeld formuliert: "Jeder und jede ist immer für Windenergie – solange das Windrad nicht in unmittelbarer Nachbarschaft steht."

Wenn Köln also eine autofreie Deutzer Freiheit plant, Düsseldorf seinen Parkraum zugunsten von Radfahrern und Grünflächen umplant oder eben Bielefeld eine autofreie Altstadt durchsetzt, dann "muss der Gewinn der Projekte für Bürgerinnen und Bürger sichtbar werden", sagt Klein-Hitpass.

Statt Verkehrslärm kann dann zwar auch das Vogelgezwitscher einige Dezibel erreichen - aber immerhin emissionsfrei.

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