Fragwürdiges Geschäftsmodell: Wie eine Firma Praktikanten ausbeutet

Über die Schulter eines Mädchens wird auf einen Laptop geblickt.

Fragwürdiges Geschäftsmodell: Wie eine Firma Praktikanten ausbeutet

Von Ben Bode

Ein Online-Praktikum ist für viele in Pandemiezeiten die einzige Chance auf einen Praktikumsplatz. So auch für die 18-jährige Emely. Sie lernte allerdings eine Firma kennen, die die Ausbeutung von Praktikanten zum Geschäftsmodell gemacht hat.

Um sich mit ihrem Fachabitur für einen Studienplatz bewerben zu können, fehlt der 18-jährigen Emely aus der Nähe von Paderborn nur noch ein Praktikum. Mitten in der Pandemie sind Plätze jedoch rar. Online stößt sie auf ein Angebot, das zunächst sehr verlockend klingt. Ein Praktikum aus dem Homeoffice im Bereich Online-Marketing bei der Agentur Digital Minds aus Aichach in Bayern. Emely bewirbt sich und bekommt nach einem kurzen telefonischen Bewerbungsgespräch den Zuschlag für ihr zwölfwöchiges – unbezahltes – Praktikum.

Monotonie statt Lernen

Junge Frau mit ernstem Blick

Emely: "Ich mache die ganze Arbeit"

Die Firma beschäftigt weit über 100 Praktikanten. Von Betreuung kann kaum die Rede sein. Über eine Art Lernplattform bringen sich die Praktikanten mit Videos und Anleitungen selbst bei, was sie später zu tun haben: beispielsweise Kaufberatungen oder Produkttests online so zu gestalten, dass sie über Suchmaschinen besonders gut gefunden werden. In den Texten müssen die Praktikanten Links platzieren, über die die besprochenen Produkte gekauft werden können. Woche um Woche schreibt Emely diese Artikel und lädt sie auf die Plattform hoch.

Praktikum als Geschäftsmodell

Die Agentur veröffentlicht ihre Artikel auf Kaufberatungsportalen und verdient so an der Arbeit von Emely und ihren Mitpraktikanten. Denn immer, wenn Leser die verlinkten Produkte kaufen, bekommt die Agentur eine Provision. "Das ist unfair, ich mache die ganze Arbeit, und die anderen kassieren dafür", kommentiert Emely das Vorgehen.

Auf WDR-Nachfrage gibt die Firma zu, dass ihr Praktikum ein Geschäftsmodell ist und dass die Artikel auf ihren Seiten von Praktikanten geschrieben werden. Die Geschäftsführer halten das für eine Win-Win-Situation – die Firma bekomme kostenlos Artikel, die Praktikanten bekämen das Praktikum.

Praktikanten sind keine Arbeitskräfte

Junger Mann sitzt auf einer Terrasse an einem Tisch

Anwalt Kunisch: Praktikanten wie Angestellte eingesetzt

Unbezahlte Praktika sind nicht per se problematisch und können für junge Menschen eine gute Brücke in den Job sein. Auch nutzten Firmen einzelne Praktikanten aus, sagt der Kölner Arbeitsrechtler Severin Kunisch. Dass aber ein ganzes Geschäftsmodell auf der Arbeit von Praktikanten aufbaut, habe er noch nicht erlebt. Und es sei rechtlich auch nicht möglich: Bei Praktikanten dürfe gerade nicht die Verwertbarkeit ihrer Arbeit im Vordergrund stehen, sondern das Lernen. Sobald Praktikanten wie Arbeitnehmer eingesetzt würden, seien sie auch welche, sagt Kunisch – mit allen Rechten und Pflichten. Sollte es sich in Emelys Fall um ein Schein-Praktikum handeln, könnte sie im Nachhinein ihren Lohn einklagen.

Die Firma Digital Minds beteuert auf Nachfrage, man sei überzeugt gewesen, dass das Praktikum rechtlich in Ordnung sei, werde das aber noch mal prüfen.

Emely verzichtet auf eine Klage. Sie hat erreicht, was sie wollte, und durch das Praktikum ihr Fachabitur abgeschlossen. Der Bewerbung um einen Studienplatz steht nichts mehr im Wege.

Hinweis: Unser Reporter Ben Bode hat auch selbst Eindrücke in dem Online-Praktikum gesammelt. Was er erlebt hat, erfahren Sie im verlinkten "reporter"-Video.

Stand: 23.06.2021, 16:30

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