Rückkehr der Atomkraft? Warum die Kernenergie als grün eingestuft werden soll

Stand: 02.01.2022, 17:40 Uhr

Die EU-Kommission will die Atomkraft und Gas-Energie im Kampf gegen die Klimakrise als "grün" einstufen. Was steckt dahinter?

In Deutschland gehen Ende 2022 die letzten Kernkraftwerke vom Netz. In der EU könnte die Atomkraft hingegen eine Renaissance erleben. Werden Atom- und Gasenergie zum Schutz des Klimas als "grün" eingestuft? Was genau ist geplant? Und was bringt es dem Klima?

Was genau hat die EU in Sachen Atomkraft und Gasenergie vor?

Die EU will in den kommenden Wochen festlegen, welche Energie-Investitionen als nachhaltig, sprich grün, gelten sollen. Ziel ist der Klimaschutz. Die Einstufung wird in Fachkreisen als Taxonomie bezeichnet.

Bei Kohle oder Wind ist die Einstufung unstrittig. Über Gas und Kernspaltung gibt es nun Streit. Nach einem Entwurf der EU-Kommission, der den Mitgliedsstaaten vorliegt, aber noch nicht öffentlich ist, sollen Investitionen in AKW als nachhaltig gelten, wenn die Entsorgung radioaktiver Abfälle sichergestellt ist und die Kraftwerke vor 2045 genehmigt werden.

Erdgaskraftwerke könnten demnach als grün gelten, wenn sie unter bestimmten CO2-Grenzwerten bleiben, eine umweltschädlichere Anlage ersetzen und bis Ende 2030 genehmigt werden. Anders als Atomkraft wird Gasenergie als Übergangstechnologie betrachtet.

Wie grün sind Atomkraft und Gasenergie wirklich?

Welche Energieträger bei der Stromerzeugung wie viel klimaschädliches Kohlendioxid (CO2) erzeugen, ist schwer zu errechnen. Die Kernspaltung an sich erzeugt zwar praktisch kein CO2, vom Uran-Abbau bis hin zum Bau und Betrieb von Atomkraftwerken entstehen jedoch trotzdem Treibhausgase. Die Wissenschaft geht von einem CO2-Äquivalent in Höhe von 18 Gramm pro Kilowattstunde aus. Zum Vergleich: Bei der Kohle sind es fast 800 Gramm, bei der Windkraft 17 Gramm. Die Gasenergie liegt etwa dazwischen. Details gibt es im WDR-Podcast Quarks-Science-Cops.

Ob Atomkraft als "grüne" Energie bezeichnet werden kann, ist für viele aber nicht nur eine Klima-Frage. Eine Umweltbelastung besteht auch durch die Lagerung des Atommülls. Außerdem birgt die Kernkraft im Falle eines Unfalls große Gesundheitsgefahren.

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Sind moderne Atomkraftwerke weniger gefährlich?

Tatsächlich könnten in manchen Staaten in Zukunft neue, weniger risikoreiche Atomkraftwerke bei der Stromerzeugung eine Rolle spielen. Geforscht wird zum Beispiel an Flüssigsalzreaktoren. Ein Vorteil: Eine Kernschmelze wie in Tschernobyl oder Fukushima ist bei diesen Reaktoren ausgeschlossen. Auch Milliardär Bill Gates treibt die Erforschung von neuartigen Reaktoren voran. Bei der geplanten EU-Klassifikation geht es aber offenbar vor allem um herkömmliche AKW.

Wer ist für die EU-Pläne, wer ist dagegen?

Vor allem Frankreich ist für die Einstufung der Atomkraft als "grün". Dort werden 70 Prozent des Stroms mit Kernspaltung erzeugt. Auch Polen will neue AKW bauen. Deutschland ist dagegen. Genau wie Österreich, das sogar mit einer Klage droht. Beim Gas sind die Fronten weniger klar.

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Wie geht es nun politisch weiter?

Seitdem die EU-Kommission ihren Entwurf an die Mitgliedstaaten verschickt hat, läuft ein zweiwöchiger Abstimmungsprozess, bei dem noch Änderungen möglich sind. Mitte Januar soll es dann einen finalen Vorschlag geben. Danach haben der Europäische Rat (also die Vertretung der Mitgliedstaaten) und das EU-Parlament die Möglichkeit, ein Veto einzulegen. Einzelne Mitgliedstaaten können den Prozess dann nicht mehr aufhalten.

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