Kinderarmut in NRW - wie kann das sein?

Ein Kind steht in abgetragener Kleidung, ohne Schuhe und mit Löchern in den Socken auf dreckigen Fliesen.

Kinderarmut in NRW - wie kann das sein?

Von Nina Magoley

  • Armutsbericht 2019 belegt steigende Kinderarmut
  • Trotz insgesamt florierender Wirtschaft
  • Sozialverbände fordern Kindergrundsicherung

Mehr als 21 Prozent der Menschen im Ruhrgebiet gelten als arm. Das belegt der neue "Armutsbericht 2019", den der Paritätische Wohlfahrtsverband am Donnerstag (12.12.2019) veröffentlichte. Besonders brisant ist die Lage offenbar für Kinder: Zwar sank die Armutsquote bei Paar-Haushalten mit einem Kind im Zehnjahresvergleich deutlich, bei Familien mit drei oder mehr Kindern jedoch stieg sie um dramatische 22,4 Prozent. Auch in Haushalten mit zwei Kindern und bei Alleinerziehenden stieg die Armutsquote.

Und: 22,6 Prozent aller Minderjährigen im Ruhrgebiet seien armutsgefährdet, so das Statistische Landesamt IT.NRW. Als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Haushaltseinkommens zur Verfügung hat.

Mehr Kinderarmut bei weniger Hartz-IV-Empängern

"Paradox" sei, dass trotz sinkender Hartz IV-Quote und "unheimlich guter Wirtschaftsentwicklung" die Kinderarmut besonders groß sei und weiter wachse, sagt Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Tatsächlich sind dem Bericht zufolge bundesweit nur acht Prozent der erwachsenen Armen erwerbslos; 29 Prozent sind Rentner, 32 Prozent aber erwerbstätig.

Der Mindestlohn, den viele Beschäftigte beziehen, reiche offensichtlich nicht aus, stellt Schneider im WDR-Interview fest. Auch Hartz IV und die Alterssicherung reichten nicht aus. Für ihn sei das "ein klares Versagen des Staates". Der Verband fordert einen Mindestlohn von 13 Euro pro Stunde, zudem müsse der Hartz-IV-Regelsatz von 424 auf 582 Euro steigen.

Caritas: "Katastrophale Situation"

Etwa jedes dritte Kind im Ruhrgebiet lebe in Armut, berichtet auch die Caritas. Beispielsweise in Gelsenkirchen lebten 40 Prozent aller unter 15-Jährigen von Hartz IV, in Essen 33 und in Duisburg 29 Prozent. Der Verband nennt die Situation "katastrophal" und fordert die Einführung einer Kindergrundsicherung.

Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann

Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann

Wichtigste Aufgabe des Staates sei, so Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann, in die Bildung der Kinder zu investieren, vor allem solche, die aus "schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen starten". Kinder aus solchen Familien hätten oft Schwierigkeiten, sich in der Schule "zu entfalten". Das koste allerdings "mehr Lehrkräfte, bessere Räume, bessere Medien" - und daran würde derzeit gespart.

Eine Erhöhung des Kindergelds löse das Problem nicht, kritisiert Hurrelmann: "Es erreicht Eltern, die Hartz IV beziehen, nicht." Auch er fordert eine Grundsicherung für Kinder. Besonders für Alleinerziehende wäre das "ein wirklich revolutionärer Schritt".

Stand: 12.12.2019, 18:59

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