Die Arbeitslosenzahl ist nur ein Teil der Wahrheit

Die Arbeitslosenzahl ist nur ein Teil der Wahrheit

Von Martin Teigeler

Am Dienstag (31.01.2017) werden die neuen Arbeitslosenzahlen für NRW veröffentlicht. 2016 war der Trend eher positiv. Doch im Kleingedruckten der amtlichen Statistik lässt sich ablesen, wie viele keinen Job haben.

2016 gab es in NRW so wenig gemeldete Arbeitslose wie seit 23 Jahren nicht mehr. Im Jahresdurchschnitt waren es nach Angaben der Regionaldirektion Nordrhein-Westfalen der Bundesagentur für Arbeit "nur" 726.000. Das war der geringste Wert seit 1993 (703.000). Tatsache ist allerdings: Die reine Arbeitslosenzahl stellt allenfalls einen Teil der wahren Lage am Arbeitsmarkt dar.

DGB: Auf Unterbeschäftigung schauen

"Viele schauen nur auf die offizielle Zahl der Arbeitslosen, aber aussagekräftiger ist der Blick auf die Unterbeschäftigung", sagt der Arbeitsmarkt-Experte des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in NRW, Michael Hermund. Allein in NRW gebe es derzeit etwa 950.000 Menschen, die von der Arbeitsagentur als unterbeschäftigt eingestuft werden (inklusive der 726.000 Arbeitslosen). Seit Jahren bewegt sich diese Zahl in NRW immer etwas unter eine Million.

Im Internet hat die Agentur für Arbeit eine lange Liste von Personengruppen aufgelistet, die nicht in die offizielle Arbeitslosenzahl eingerechnet werden. Dazu zählen unter anderem ältere Erwerbslose sowie Menschen, die sich beruflich weiterbilden oder Ein-Euro-Jobber (siehe Link). Die Übersicht zeigt auch, dass die statistischen Methoden in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer wieder geändert wurden.

Aufschlussreich: Zahl der Hilfsempfänger

Einen weiteren Fingerzeig zur Dimension der Arbeitslosigkeit gibt die Zahl der "erwerbsfähigen Leistungsberechtigten". Das sind allein in Nordrhein-Westfalen rund 1,17 Millionen Menschen - hinzu kommen dann noch ihre Familienmitglieder. Auch diese Zahl übersteigt - wie die Unterbeschäftigung - deutlich die offizielle Anzahl der Arbeitslosen. Rund 170.000 der Hilfsempfänger erhalten Arbeitslosengeld I. Die anderen "Leistungsberechtigten" müssen von Arbeitslosengeld II (umgangssprachlich Hartz IV) leben.

Und der Faktor X

Laut DGB-Experte Hermund kommt noch ein unbekannter Faktor hinzu, die sogenannte stille Reserve. Dies seien jene Menschen "die nicht arbeitslos gemeldet sind - obwohl sie keinen Job haben. Viele Arbeitslose melden sich gar nicht bei der Arbeitsagentur oder beim Jobcenter, weil sie zum Beispiel das Ausfüllen der komplizierten Hartz-Formulare scheuen oder keinen Anspruch auf Leistungen haben", erklärt der Gewerkschafter. Wissenschaftlichen Schätzungen zufolge seien das in NRW noch einmal 400.000 bis 600.000 Menschen. Hermund: "Insgesamt muss man also von bis zu rund 1,5 Millionen Menschen in Nordrhein-Westfalen ausgehen, die arbeitslos sind. Damit wird nur jeder zweite Arbeitslose tatsächlich in der Arbeitslosenstatistik gezählt."

Stand: 01.02.2017, 16:44