Gepanschte Krebsmittel: Apotheken werden in NRW nur unzulänglich kontrolliert

 Zytostatik-Abteilung einer Zentralapotheke

Gepanschte Krebsmittel: Apotheken werden in NRW nur unzulänglich kontrolliert

Gepanschte Krebsmedikamente aus Bottrop, ein Apotheker unter Verdacht, verzweifelte Patienten: Ein offenbar völlig unzulängliches Apotheken-Kontrollsystem begünstigt solche Fälle.

"Es kann nicht sein, dass eine Pommesbude in NRW engmaschiger kontrolliert wird als eine Apotheke", sagt Eugen Brysch, Vorstand der Stiftung Patientenschutz. Dass ein Bottroper Apotheker aus reiner Geldgier in mutmaßlich 62.000 Fällen selbst angemischte Krebsmedikamente, sogenannte Zytostatika, zu niedrig dosiert hat, kommt für ihn nicht überraschend.

Eugen Brysch sieht einen Hauptfehler im System, also in der Art und Weise, wie Apotheken hierzulande kontrolliert werden.

Überforderte Kontolleure

Nur 37 Amtsapotheker in NRW kontrollieren fast 4.400 Apotheken - und das ist nicht ihre einzige Aufgabe. Sie sehen darüber hinaus in Drogeriemärkten, bei Rettungsdiensten, in Kranken- oder Reformhäusern, in Kitas und vielen anderen Institutionen nach dem Rechten.

Allein in Westfalen und Lippe ist ein Amtsapotheker für 150 Apotheken zuständig. Diese Zahlen alleine lassen erkennen, dass gewissenhafte Kontrollen schwierig oder kaum möglich sein können.

In 22 Jahren ein Infusionsbeutel überprüft

Klaus Peterseim

Apotheker Klaus Peterseim

Der Essener Apotheker Klaus Peterseim ist einer von 300 in Deutschland, die individuell angemischte Krebsmedikamente herstellen. Auf die Frage, wie oft neben Hygiene und technischer Ausrüstung auch die Infusionsbeutel mit den lebensrettenden Medikamenten bei ihm überprüft worden sind, antwortet er dem WDR: "In den vergangenen 22 Jahren einmal!"

Zu selten unangekündigte Kontrollen

Zudem stellt sich die Frage, was Kontrollen wert sein sollen, die zumeist angekündigt werden. Zwar haben die Amtsapotheker das Recht, unangekündigte Kontrollen durchzuführen. Doch davon machten sie selten Gebrauch, sagt auch der Essener Apotheker Peterseim.

Das NRW-Gesundheitsministerium hat als Reaktion auf die Vorfälle in der Bottroper Apotheke einen Erlass herausgebracht, der besagt, dass auch unangemeldete Kontrollen durchgeführt werden sollen. Eine Vorschrift ist das jedoch nicht.

Wenigstens einmal im Vierteljahr

Eugen Brysch

Patientenschützer Eugen Brysch

Für Patientenschützer Eugen Brysch gibt es nur einen Ausweg aus dem Dilemma: "Wir brauchen eine Qualitätskontrolle, die wenigstens einmal im Vierteljahr stattfindet und auch unangekündigt ist."

Fassungslos über den Apotheker-Skandal ist der Onkologe Prof. Michael Hallek von der Uniklinik Köln. Er glaubt nicht an einen Einzelfall in Bottrop, kannte solche Betrugsfälle schon von Krebspatienten aus dem Ausland: "Die kommen zu uns, weil sie nicht glauben, dass sie in ihrem Heimatland die richtige Medikamenten- Dosierung erhalten. Dass das allerdings bei uns passiert, habe ich bisher nicht für möglich gehalten.“

Stand: 19.10.2017, 17:45