"Du Jude!": Antisemitismus in Schulen wird oft bagatellisiert

"Du Jude!": Antisemitismus in Schulen wird oft bagatellisiert

Von Jörn Seidel

Jüdische Schülerinnen und Schüler in NRW erleben teils massive Judenfeindlichkeit. Wird das Problem vonseiten der Schulen verharmlost? Die Kultusministerkonferenz hat nun eine Empfehlung beschlossen.

Eine sechste Klasse in einer Schule in NRW. Ein Schüler steht auf und sagt: "Schade, dass die Nazis nicht mehr da sind. Sonst wärst du längst vergast." Was entgegnet die Lehrerin? Nichts, "keine Reaktion". So schildert es jemand aus der Klasse, der diesem antisemitischen Übergriff wegen seines jüdischen Glaubens ausgesetzt war.

Antisemitische Vorfälle werden nicht konsequent gemeldet

Der Vorfall, der einem Bericht der Antidiskrimierungsbeauftragen des Landes NRW entstammt, ist zwar nicht verifiziert. Aber genau das sei eines der Probleme des Antisemitismus an Schulen, sagt Clemens Hötzel von der Düsseldorfer Antidiskriminierungsstelle Sabra dem WDR. Antisemitische Vorfälle würden nicht konsequent gemeldet.

Kultusministerkonferenz beschließt Empfehlung

Die Kultusministerinnen und -minister beschlossen am Donnerstag eine gemeinsame Empfehlung der KMK, des Zentralrats der Juden in Deutschland und der Bund-Länder-Kommission der Antisemitismusbeauftragten zum Umgang mit Antisemitismus in der Schule. In der Empfehlung, die der dpa vorliegt, sind unter anderem Hilfestellungen für Lehrkräfte enthalten. So werden Unterschiede zwischen politischem, sozialem, religiösem und rassistischem Antisemitismus erklärt.

Empfohlen wird in dem Papier auch, dass neben der zwingend nötigen Thematisierung des Holocaust im Geschichtsunterricht "das Judentum im Unterricht nicht auf die Themen der Verfolgung und Schoah sowie die Opfer-Perspektive reduziert wird". Schülerinnen und Schülern sollten demnach Begegnungen mit Jüdinnen und Juden ermöglicht werden, etwa über Austauschprogramme und Partnerschaften mit Schulen in Israel.

In der Lehrerbildung wird zudem eine intensivere Vermittlung von Kenntnissen zu Antisemitismus, Judentum und jüdischer Geschichte und Gegenwart gefordert. Antisemitische Äußerungen und Vorfälle müssten an Schulen als solche benannt werden und dürften nicht bagatellisiert, relativiert, verschwiegen oder ignoriert werden, heißt es außerdem in der Empfehlung, die am Freitag (12 Uhr) vorgestellt werden soll.

Problem wird oft nicht frühzeitig erkannt

Der Vorfall in jener sechsten Klasse ist auch ein Beispiel dafür, dass Antisemitismus von Lehrern und Schulleitern oft nicht frühzeitig genug als Problem erkannt werde, meint Hötzel. "Wenn wir bei Sabra antisemitische Vorfälle aus Schulen gemeldet bekommen, ist es oft schon zu spät." Dann sind aus Worten womöglich sogar Gewalttaten geworden.

Oft werde an Schulen Antisemitismus als solcher gar nicht erkannt, sagt Hötzel. So sei auf Schulhöfen häufig "Du Jude!" zu hören, was von vielen Lehrerinnen und Lehrern aber nur als gängige Beleidigung wahrgenommen werde.

Auf diese Weise werde Antisemitismus in der Schule von Lehrkräften bagatellisiert, so der Vorwurf der Soziologen Julia Bernstein und Florian Diddens. Auch die Gleichsetzung mit Rassismus oder der als Israel-Kritik getarnte Antisemitismus verharmlosten das Problem.

Hötzel beklagt, dass Antisemitismus von Lehrern und Schulleitern zum Teil sogar ausgeblendet werde, "um den guten Ruf der Schule nicht zu gefährden". "Das macht es schwer, eine Kultur zu etablieren, in der Probleme offen angesprochen werden."

Maßnahme: "Judentum in seiner Vielfalt" zeigen

Nach Ansicht der Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor darf die Bekämpfung des Antisemitismus in Schulen nicht auf Projekte in einzelnen Fächern beschränkt bleiben."Ich würde mir sehr wünschen, dass wir den Kampf gegen Antisemitismus schon in der Lehrerausbildung berücksichtigen und später dann auch in Lernplänen für Schülerinnen und Schüler", betonte sie im WDR.

Erkannt hat die Politik das Problem des Antisemitismus an Schulen schon lange. So vereinbarte die Kultusministerkonferenz der Länder mit dem Zentralrat der Juden bereits vor fünf Jahren entsprechende Maßnahmen. Eines der erklärten Ziele: "das Judentum in seiner Vielfalt im schulischen Alltag sichtbar" zu machen.

Aber schon allein das ist schwierig, wenn Schulbücher da keine Unterstützung geben. Laut Studien zeigen viele Lehrbücher das Judentum nach 1945 - wenn überhaupt - vor allem im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt. Leicht lösen lässt sich das vielfältige Problem des Antisemitismus an Schulen nicht.

Stand: 10.06.2021, 19:40

Aktuelle TV-Sendungen