Was tun gegen Antisemitismus unter Muslimen?

Was tun gegen Antisemitismus unter Muslimen?

Judenfeindliche Parolen und Angriffe auf deutschen Straßen alarmieren viele Menschen. Doch woher kommt der Hass unter jungen Muslimen und was sollte nun getan werden?

Es sind hässliche Szenen, die sich dieser Tage auf deutschen Straßen ereignen. Bei pro-palästinensischen Demonstrationen und Protesten gegen Israel ist es mehrfach zu antisemitischen Ausschreitungen gekommen. So wurden in Duisburg judenfeindliche Rufe skandiert. In Köln wurde versucht, eine israelische Flagge zu verbrennen.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland ist in großer Sorge. "Sie skandieren übelste Parolen gegen Juden, die an die dunkelsten Zeiten deutscher Geschichte erinnern", sagte Zentralratspräsident Josef Schuster am Sonntag und forderte ein konsequentes Vorgehen der Polizei.

Reul: Polizei in schwieriger Lage

Verbieten könne man solche Demonstrationen nicht, sagte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) am Montag im ZDF-Morgenmagazin. Allerdings gebe es Grenzen: Falls der Protest gegen den israelischen Militäreinsatz in offenen Antisemitismus umschlage, dann müsse die Polizei "ohne Toleranz einsteigen". Er räumte aber auch ein, dass es für die Beamten oft schwierig sei, zu erkennen, was noch legitime Israelkritik ist und wo die Grenze zum Antisemitismus überschritten wird.

Zwar wurden am Wochenende antiisraelische Demos in Köln und Duisburg von der Polizei aufgelöst - allerdings begründeten die Beamten dies in beiden Fällen mit Verstößen gegen die Corona-Regeln. "Die kommunalen Auflagen sind leichter durchzusetzen", erklärte Reul. Im Vergleich dazu sei die Beweisführung schwierig, dass bestimmte Botschaften oder Symbole auf Demonstrationen strafbar sind.

Verschiedene Formen von Antisemitismus

Lamya Kaddor (Islamwissenschaftlerin und Autorin)

Lamya Kaddor

Auch die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor beobachtet die Ereignisse der letzten Tage genau. Über Jahre hat sie mit jungen Muslimen zusammengearbeitet und Präventionsarbeit betrieben. Sie erkennt unterschiedliche Formen von Antisemitismus. So gehe es um biologistischen, politischen, islamisierten und religiös begründeten Antisemitismus.

Häufig sei auch eine angebliche Israel-Kritik antisemitisch motiviert. "Tatsächlich ist es so, dass Kritik an der israelischen Regierung häufig daran geknüpft ist, dass man eigentlich das Existenzrecht Israels abspricht. Und in dem Moment ist das natürlich antisemitisch", sagte Kaddor, die im Herbst als Grüne für den Bundestag kandidiert, dem WDR.

Verweise zu "Querdenkern" und Rechtsextremen

Nach ihrer Einschätzung sind antisemitische Positionen bei Menschen mit muslimischem Glauben "relativ weit verbreitet". "Tatsächlich ist das ein sehr islamistisches Motiv und ein Narrativ, das es aber geschafft hat, sich bis in die Mitte der gemäßigten muslimischen Bevölkerung zu etablieren." Hinzu komme, dass es derzeit "anschlussfähig" sei, antisemitisch zu agieren. So gebe es Verweise in die Szene der sogenannten Querdenker und in die rechtsextreme Szene.

Um all dem entgegenzuwirken, fordert Kaddor mehr Präventionsprogramme, die zudem nicht nur kurzfristig angelegt sein dürften. Zudem müsse jüdisches Leben in Deutschland "lebendiger und sichtbarer" sein.

Israels Existenzrecht anerkennen

Die nordrhein-westfälische Staatssekretärin für Integration, Serap Güler (CDU), fordert von allen in Deutschland lebenden Muslimen, das Existenzrecht Israels zu akzeptieren. "Wir müssen gegen diesen Hass, gegen diese abscheulich hässliche Fratze des Antisemitismus klare rechtsstaatliche Antworten liefern", sagt Güler dem "Tagesspiegel am Sonntag".

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, sagte der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung": "Wer unter dem Vorwand von Kritik an Israel Synagogen und Juden angreift, hat jedes Recht auf Solidarität verwirkt."

Stand: 17.05.2021, 07:41

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