Antisemitische Parolen: Angst und Entsetzen unter Juden in NRW

 Oded Horowitz von der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf

Antisemitische Parolen: Angst und Entsetzen unter Juden in NRW

Auf offener Straße werden antisemitische Parolen gebrüllt und israelische Flaggen verbrannt. Was macht das mit den in NRW lebenden Juden? Ein Gespräch mit Oded Horowitz, dem Landesvorsitzenden der Jüdischen Gemeinden in NRW.

Eine unangemeldete Demo in Gelsenkirchen nach israelischen Militäreinsatz im Gaza-Streifen sorgt für Erschütterung. Auf einem Twitter-Video ist zu sehen und zu hören, wie Demonstranten im Beisein von Polizeibeamten in Sprechchören ihren Judenhass mit antisemitischen Parolen herausbrüllen. Die Versammlung wird erst nach zwei Stunden aufgelöst.

Judenhass - in diesen Tagen wird er nicht nur in Gelsenkirchen demonstriert. Auch in Bonn, Münster und Düsseldorf sind Angriffe auf jüdische Einrichtungen bekannt geworden. Wie das die Menschen trifft, auf die der Judenhass abzielt, erzählt uns Oded Horowitz, Landesvorsitzender der Jüdischen Gemeinden in NRW.

WDR: Was machen solche Ereignisse mit den Juden hier bei uns?

Horowitz: Das alles macht uns große Angst. Es ist wirklich sehr verunsichernd. Wobei ich jetzt sowohl von älteren als auch von jüngeren Menschen rede. All die Vorfälle auf den Straßen werden auch noch begleitet von einer schier unglaublichen, einseitigen Kampagne gegen Israel und uns Juden in den Sozialen Medien. Viele Leute weinen einfach vor Angst und Entsetzen.

WDR: Wie könnte man gegensteuern?

Horowitz: Die Politik müsste eine Aufklärungskampagne initiieren, in der sie Fakten präsentiert. Einmal zu Israel, aber auch zu den Beziehungen zwischen Deutschland und Israel. Vor allem in den Sozialen Medien kursieren viele Informationen, die verzerrt werden oder schlicht falsch sind. Mit einer Aufklärungskampagne könnte dafür gesorgt werden, dass grundlegende Dinge auf eine richtige Basis gestellt werden. Das ist zwar komplex. Aber es ist machbar.

WDR: Mal abgesehen von einer Aufklärungskampagne - unternimmt aus Ihrer Sicht die Politik genug gegen Judenhass?

Horowitz: Die Jüdischen Gemeinden in NRW arbeiten sehr gut mit der Landesregierung zusammen. Wir erleben zum Beispiel Ministerpräsident Laschet oder Innenminister Reul als sehr motiviert und engagiert, wenn es um den Schutz jüdischer Einrichtungen geht. Ich bin eigentlich sehr optimistisch, dass die Politik uns weiterhin unterstützt. Aber es muss schnell gehen. Es muss zügig gehandelt werden, in dem die Sicherheitsvorkehrungen in und vor jüdischen Einrichtungen weiter erhöht werden. Ein Zögern könnte zu noch mehr Verunsicherung unter uns Juden führen.

WDR: Mit welchen Folgen?

Horowitz: Die Angst geht um, aber panische Reaktionen gibt es unter uns Juden in NRW bislang nicht. Sollte die Politik jetzt jedoch zu viel Zeit verstreichen lassen, um das Leben und die Sicherheit der Juden zu schützen, dann könnte es passieren, dass wir scharenweise Deutschland den Rücken zukehren - auch wenn das die meisten eigentlich nicht möchten, weil Deutschland ihre Heimat ist.

WDR: Macht es einen Unterschied, welche Gruppe Absender dieses Judenhasses ist?

Horowitz: Richtig Angst machen uns so manche User in den Sozialen Medien. Um mal ein Beispiel zu nennen: Der Düsseldorfer Oberbürgermeister hat zuletzt aus Solidarität mit der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, dem Staat Israel und der Partnerstadt Haifa die israelische Flagge gehisst. Die Reaktionen darauf in den Sozialen Medien waren teils extrem aggressiv. Da hat jemand zum Beispiel eine Abstimmung initiiert und gefragt, ob es richtig sei, aus Solidarität die israelische Flagge zu hissen - mit dem Ergebnis, dass dies 70 Prozent der Teilnehmenden "falsch" fanden. Die Sozialen Medien sind das eine. Ansonsten schlägt uns Juden Hass sowohl aus dem rechten, dem linken und aus dem radikal islamistischen Lager entgegen. Egal, woher der Hass kommt: Jede Form von Hass, Intoleranz oder Ausgrenzung ist schlecht. Wir alle in der Gesellschaft müssen zusammenstehen und gemeinsam etwas dagegen tun.

Das Interview führte Sabine Meuter.

Stand: 14.05.2021, 05:52

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