"Der Antisemitismus existiert beharrlich in der Mitte der Gesellschaft"

"Der Antisemitismus existiert beharrlich in der Mitte der Gesellschaft"

Zwei Jahre nach dem Anschlag auf die Synagoge von Halle: Wie weit ist Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft verbreitet? Interview mit dem Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, Felix Klein.

WDR:  Wie viele Menschen in Deutschland sind anfällig für antisemitisches Gedankengut?

Portrait von Felix Klein

Felix Klein, Antisemitismusbeauftragter der Bundesregierung

Felix Klein: Nach Umfragen, die sich immer wieder auch in den letzten Jahren bestätigt haben, sind etwa 15-20 Prozent aller Deutschen anfällig für antisemitisches Gedankengut. Und zwar in seinen verschiedenen Formen, also in Bezug auf Israel oder in Bezug auf Schuldabwehr, das heißt, die Gräueltaten der Nazis werden verharmlost durch Zustimmung zu Sätzen wie etwa: "Bei dem was Israel tut, kann ich verstehen, dass man etwas gegen Juden hat." Es ist bedenklich, dass bis zu 20 Prozent der Bevölkerung in Deutschland diesem Gedankengut zustimmt, und das zeigt, dass der Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft beharrlich existiert.

WDR: Zumindest gefühlt nimmt die Zahl der Antisemiten zu. Stimmt das überhaupt? Oder äußern sich Antisemiten heutzutage offener oder ist unsere Sensibilität gewachsen, schaut die Gesellschaft also eher hin?

Klein: Ich glaube, beides ist richtig. Einerseits äußert sich der Antisemitismus unverhohlener im Vergleich zu früher. Das heißt, Menschen die sich nicht getraut haben, dieses Gedankengut zu äußern, tun das jetzt offener. Das Internet, die sozialen Medien haben sehr stark dazu beigetragen - auch die Angriffe von Rechtspopulisten auf die Erinnerungskultur und eine allgemeine Verrohung des politischen Diskurses. Andererseits ist aber auch richtig, dass der Antisemitismus, der existiert, jetzt sichtbarer geworden ist. Die Medien berichten intensiver darüber, auch Betroffene geben antisemitische Vorfälle stärker an als früher, der jüdische Sänger Ofarim in Leipzig ist ein gutes Beispiel dafür. Früher gab es solche Fälle auch, aber sie wurden eben nicht öffentlich gemacht. Auch die Straftaten, die begangen werden, werden jetzt stärker als früher angezeigt, und das ist gut so. Das zeugt nämlich auch von einem stärkeren Selbstbewusstsein der Betroffenen.

WDR:  Hat sich die Qualität antisemitischer Übergriffe verändert, von "nur" Sachbeschädigungen hin zu Angriffen auf Personen?

Klein: Der Großteil der antisemitischen Straftaten findet im Internet statt. Es sind Volksverhetzungen und Beleidigungen, die da vor allem im Vordergrund stehen. Was die Gewaltkriminalität angeht, können wir glücklicherweise feststellen, dass die Zahl der strafrechtlich relevanten körperlichen Angriffe nicht nennenswert angestiegen ist. Allerdings sind die Aggressionen, also, alles was unterhalb der Strafbarkeitsgrenze liegt, deutlicher geworden, und zwar aus allen Milieus, in denen Antisemitismus vorkommt. Da sind rechtsextremistische Täter genauso zu nennen wie Täter aus dem islamistischen Milieu.

WDR: Welchen Hintergrund haben Menschen, die antisemitisches Gedankengut teilen?

Klein: Der Antisemitismus ist leider nicht mehr nur an den Rändern der Gesellschaft zu finden, sondern eben auch wirklich in der Mitte. Die verschiedenen Formen von Antisemitismus sind alle hier sichtbar, sowohl der rechtsextremistische Antisemitismus sowie der islamistische,  aber auch der linke Antisemitismus sind alle vorhanden. Die Form, die die meiste Verbreitung findet, ist der gegen Israel gerichtete Antisemitismus. Er ist oftmals ein ganz problematischer Kitt, der auch Gruppen zusammenhält, die normalerweise nie etwas miteinander zu tun haben, die Corona-Proteste sind dabei ein gutes Beispiel. Versprengte Linke, Rechtspopulisten und Impfgegner, die sich zunächst einmal gegen Corona-Maßnahmen wenden, haben aber Verschwörungstheorien, die sie verbinden und die einer gewissen Gruppe zuschreiben, sie sei verantwortlich für die Pandemie. Und das hat natürlich eine ganz deutliche antisemitische Konnotation. Das ist sehr problematisch. Wir müssen hier bis in die Mitte der Gesellschaft vorgehen mit unseren Maßnahmen.

WDR: Welche Rolle spielen antisemitische Akte bis hin zu Anschlägen: Ermuntern sie Nachahmungstäter?

Blumen und Kerzen stehen neben der Tür zur Synagoge in Halle nach dem rechtsextremistischen Anschlag im Oktober 2019.

Klein: Das ist das große Problem bei allen Straftaten. Wir haben ja gesehen, dass vor einigen Tagen ein Anschlag auf die Synagoge in Hagen gerade noch verhindert werden konnte. Dieser Täter war sicher motiviert durch den Anschlag in Halle vor zwei Jahren, obwohl er ja aus einem ganz andere Milieu stammte. Denn der Attentäter von Halle war Rechtsextremist, und soweit das bekannt ist, kommt der junge Mann, der das Attentat in Hagen geplant hatte, aus Syrien, also aus einem ganz anderen Milieu. Und das gibt uns denken, dass Taten dazu führen, dass die Hemmschwelle immer weiter sinkt.

Das Interview führte Andreas Teska.

Stand: 09.10.2021, 17:52

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