Jüdischer Notar soll Anne Frank verraten haben

Stand: 17.01.2022, 16:19 Uhr

Lange Zeit war es ein Rätsel: Wer hatte während des Zweiten Weltkriegs das Versteck des jüdischen Mädchens Anne Frank und ihrer Familie verraten? Jetzt gibt es offenbar eine Spur.

Ihr Tagebuch ist weltberühmt. Wer die Zeilen des jüdischen Mädchens Anne Frank je gelesen hat, ist erschüttert über den Alltag von ihr und ihrer Familie in ihrem Versteck vor den Nazis in Amsterdam. Doch irgendwer hat sie verraten - aber wer bloß?

Anne-Frank-Haus

Über Jahrzehnte hinweg war das ein Rätsel. Jetzt glaubt ein Team von Historikern, Kriminologen und einem Ex-FBI-Agenten, die Lösung zu haben. Niederländischen Medien zufolge soll der jüdische Notar Arnold van den Bergh die Familie Frank verraten haben. Das zeigen jahrelange Recherchen des Teams.

Notar soll Besatzern Liste mit Verstecken gegeben haben

Demnach soll van den Bergh den deutschen Besatzern eine Liste mit Verstecken von Juden in Amsterdam übergeben haben, um das Leben seiner eigenen Familie zu retten. Auf der Liste stand demnach auch die Amsterdamer Adresse des Hinterhauses, in dem sich die Familie Frank vor den Nazis verborgen hielt.

Eine Frau betritt das ehemalige Versteck von Anne Frank in Amsterdam.

Eine Frau betritt das ehemalige Versteck von Anne Frank in Amsterdam.

Das Versteck wurde im August 1944 enttarnt, die Familie ins Konzentrationslager nach Bergen-Belsen deportiert. Dort starb Anne Frank im Frühjahr 1945 an Typhus. Nur der Vater des Mädchens, Otto Frank, überlebte. Er veröffentlichte später das Tagebuch seiner Tochter.

Kopie eines anonymen Briefes als Hauptbeweis

Hauptbeweis, dass der jüdische Notar van den Bergh die Familie Frank verraten haben soll, ist die Kopie eines anonymen Briefes. Diese Kopie hatte Otto Frank 1946 bekommen. Darin wird der Name des Notars bereits genannt. Das Original des Briefes ist zwar verschwunden, im Amsterdamer Stadtarchiv war jedoch eine Kopie gefunden worden. Diese Spur war nach Angaben des Recherche-Teams bisher nie ausführlich untersucht worden.

77 Jahre nach Kriegsende gebe es zwar keine absolute Gewissheit, dass tatsächlich der Notar der Verräter war, sagte der ehemalige Ermittler des amerikanischen FBI, Vince Pankoke. Er war maßgeblich an der Untersuchung beteiligt. "Unsere Theorie hat aber eine Wahrscheinlichkeit von mehr als 85 Prozent", betonte er jetzt im niederländischen Radio.

Verrat-Hypothese ist nicht unumstritten

Auch in den vergangenen Jahren war immer wieder die These aufgestellt worden, dass die Familie Frank in ihrem Versteck verraten wurde. Unumstritten ist das aber nicht. Laut einer Forschungsarbeit des Anne Frank Hauses aus dem Jahr 2017 sei auch möglich, dass die Franks zufällig bei einer Razzia wegen gefälschter Essensmarken entdeckt worden sein könnten.

Mit Blick auf den Notar van den Bergh warnte Ronald Leopold, geschäftsführender Direktor des Anne Frank Hauses, vor zu schnellen Schlussfolgerungen: "Man muss sehr aufpassen, bevor man jemanden in der Geschichte als Verräter von Anne Frank festschreibt, wenn man nicht zu 100 oder 200 Prozent sicher ist", sagte er im niederländischen Radio-Sender NPO1. Wichtige Fragen seien noch offen: Wer hat den anonymen Brief geschrieben und mit welcher Absicht?

Nichtsdestotrotz zeigte sich Leopold von der neuesten Verrats-Hypothese beeindruckt. Die Arbeit des Recherche-Teams habe "wichtige neue Informationen und eine faszinierende Hypothese hervorgebracht, die weitere Untersuchungen verdienen", sagte er.

Augmented-Reality-Projekt des WDR

Wer mehr über Anne Frank erfahren möchte, für den oder die können Zeitzeugenberichte mit Augmented-Reality-Elementen in der WDR History App "WDR AR 1933-1945" hilfreich sein, mehr Infos dazu hier:

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