Angst auf dem Bahnsteig: "Realistisch bleiben"

Die Polizei sperrte den Frankfurter Hauptbahnhof ab nachdem ein Mann ein Kind vor einen Zug gestoßen hatte.

Angst auf dem Bahnsteig: "Realistisch bleiben"

  • Angstforscher im Interview nach Vorfällen an Bahnsteigen
  • Geschehen trifft uns wegen seiner Sinnlosigkeit
  • Real größere Gefahren werden schnell unterschätzt

Nach zwei tödlichen Vorfällen an Bahnsteigen reagieren viele Menschen vorsichtig. Psychiater und Angstforscher Borwin Bandelow rät im Interview, realistisch mit diesen Ängsten umzugehen.

WDR: Zwei Mal innerhalb weniger Tage wurden unbeteiligte Menschen vom Bahnsteig gestoßen und starben. Zuletzt ein achtjähriger Junge in Frankfurt. Was machen solche Vorfälle mit uns?

Borwin Bandelow: Es ist ein besonders schreckliches Ereignis, das uns fassungslos macht. Tragisch auch deshalb, weil es ein Vorfall war, bei dem der mutmaßliche Täter wahrscheinlich in keiner Beziehung zu dem Opfer stand. Womöglich lag eine psychische Erkrankung des Mannes vor. Deshalb trifft uns dieses sinnlose Ereignis mehr als andere Todesfälle. Und dann war das Opfer auch noch ein unschuldiges Kind.

Nach Frankfurt: "Der Hass hat zugenommen"

WDR 5 Morgenecho - Interview 31.07.2019 06:19 Min. Verfügbar bis 30.07.2020 WDR 5

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Für uns sind das vermeintlich neue Gefahren, mit denen wir noch nicht umgehen können. Es wirkt auf uns, als sei das eine neue 'Mode'. Aber solche Vorfälle gab es auch früher schon. Denken Sie an die Pariser U-Bahn. Dort gibt es besondere Zugangsschranken zu den Zügen. Die sind ja nicht ohne Grund installiert worden. Immer, wenn eine neue Gefahr auftritt, die uns unbeherrschbar erscheint, ist das etwas Besonderes. Wir denken: Ab jetzt passiert das häufiger.

WDR: Ist diese Angst überhaupt gerechtfertigt?

Bandelow: Klar stehen wir jetzt erst mal mit Unbehagen auf dem Bahnsteig. Die reale Gefahr ist aber gar nicht so groß, denn es ist ein statistisch äußerst seltenes Ereignis, vor einen Zug gestoßen zu werden. Dabei unterschätzen wir viele sehr viel größere Gefahren, etwa das Risiko mit dem Fahrrad zu verunglücken oder einen Herzinfarkt zu erleiden. Vor diesen konkreten Gefahren haben wir viel weniger Angst, weil wir gelernt haben, mit ihnen zu leben.

WDR: Dennoch stehen viele jetzt mit einem mulmigen Gefühl am Bahnsteig. Wie kann man sich von dieser Angst befreien?

Bandelow: Ich denke, wir werden in wenigen Wochen wieder mit einem weniger mulmigen Gefühl auf dem Bahnsteig stehen. Es braucht einige Zeit, bis wir die Erfahrung gemacht haben, mit einer neuen Angst zu leben und zu merken, wie groß das Risiko tatsächlich ist. Konkret sollte man sich das immer vor Augen halten. Als ich heute über die Autobahn gefahren bin, gab es mindestens drei gefährliche Situationen, die mir aber keine Angst gemacht haben. Eben weil ich gelernt habe, mit dieser Gefahr umzugehen.

Das Interview führte Robert Franz.

Stand: 30.07.2019, 21:19

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