Pflege: Nach dem Corona-Applaus kommt die Ernüchterung

Das Bild zeigt eine Pflegekraft, die bei einer alten Dame Blutdruck misst.

Pflege: Nach dem Corona-Applaus kommt die Ernüchterung

Von Christian Wolf

  • Pflegebereich kämpft trotz Corona-Bonus mit Problemen
  • Tausende neue Stellen bleiben unbesetzt
  • Bezahlung und geringe Wertschätzung schrecken ab

Auf Balkonen wurde für sie geklatscht, das Land NRW stellte kostenlos Mietautos zur Verfügung und von allen Seiten wurden sie als "systemrelevant" bezeichnet: Pflegekräfte haben in der Corona-Krise eine nie gekannte Wertschätzung erfahren. Doch mittlerweile herrscht wieder Alltag. Die Lobeshymnen sind verklungen. Was bleibt, sind die alten Probleme.

Dazu gehört der Personalmangel. Schon vor Corona war es schwierig, Fachkräfte für den Pflegebereich zu finden. Geändert hat sich daran nichts. Das zeigt eine Zwischenbilanz zum sogenannten Pflegepersonal-Stärkungsgesetz.

Pflegemangel in NRW - was hat sich getan?

WDR 5 Morgenecho - Beiträge 16.07.2020 04:00 Min. Verfügbar bis 16.07.2021 WDR 5 Von Maya, Essen Graef

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Neue Stellen sind da, bleiben aber frei

Vor anderthalb Jahren wurden bundesweit 13.000 neue Stellen in Aussicht gestellt. Das ernüchternde Ergebnis: 2.600 Stellen wurden bis Mitte Mai tatsächlich besetzt - also nur jede Fünfte. Diese jüngsten Zahlen erfuhr das ARD-Hauptstadtstudio vom Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV).

Die Altenpflege könnte also theoretisch gestärkt werden. Die zusätzlichen Stellen sind da. Aber die Menschen fehlen. Woran liegt das?

Mehr Werbung machen

"Ich glaube, das Bild der in der Pflege Tätigen muss noch anders transportiert werden", sagt Jochen Kamps, Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Oberhausen. In den Schulen etwa müsste mehr Werbung gemacht werden, um mehr Menschen für diesen Job zu begeistern.

Nur mehr Stunden statt neue Stelle

Johannes Tepaße sieht noch ein anderes Problem. Bei dem Leiter eines Altenheimes in Bocholt kommt von den zusätzlichen Stellen fast nichts an. "Es ist insgesamt so verschwindend wenig, dass das kaum bei den Bewohnern zu spüren ist." Denn statt neue Stellen zu schaffen, habe er nur die Stundenzahlen von manchen Mitarbeitern erhöhen können. Nur dafür reiche das Geld. Insgesamt sei das Programm viel zu klein. Insgesamt 35.000 neue Stellen wären ein "Schritt in die richtige Richtung" gewesen.

Hinzu komme, dass die Beantragung "total kompliziert" sei. Von anderen Kollegen habe er sogar gehört, dass sie deshalb erst gar keine Anträge gestellt hätten.

Altenheime in der Coronakrise Servicezeit 15.04.2020 04:31 Min. UT Verfügbar bis 15.04.2021 WDR Von H. Reineke, E. Lechtenbörger

Corona-Prämie löst Probleme nicht

Die Corona-Krise hat all diese Probleme nicht verschwinden lassen. Zwar bekommen Altenpfleger wegen der zusätzlichen Arbeit einen einmaligen Bonus von bis zu 1.500 Euro. Doch die strukturellen Probleme bleiben. "Als dauerhafte Prämie und als wirkliches Dankeschön wäre das vielleicht ein Zeichen gewesen", sagt Heimleiter Tepaße.

Zusätzliche Mitarbeiter könnten mit dieser Prämie aber nicht gewonnen werden. Dafür müssten die Rahmenbedingungen verbessert werden. Und das bedeute: weniger Verwaltung und mehr tatsächliche Pflegearbeit. "Ich würde mich freuen, wenn tatsächlich mehr Zeit für die einzelnen Bewohner da wäre."

Pflege in der Coronakrise: "Eine desaströse Situation"

WDR 5 Morgenecho - Interview 31.03.2020 05:28 Min. Verfügbar bis 31.03.2021 WDR 5

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Stand: 15.07.2020, 18:57

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