Ukraine-Krieg: Wie gefährlich sind Angriffe auf AKW?

Stand: 05.03.2022, 14:13 Uhr

Der Brand am Atomkraftwerk Saporischschja in der Ostukraine hat Ängste ausgelöst. Wie gefährlich sind solche Angriffe für die Ukrainer und wie groß ist das Risiko für Deutschland? Fragen und Antworten.

Von Anna Palm

Der Brand am Atomkraftwerk Saporischschja in der Ostukraine, der beim Angriff der russischen Armee entfacht wurde, ist inzwischen gelöscht. Gebrannt hatte ein Ausbildungszentrum außerhalb des Schutzraums des eigentlichen Kraftwerks. Die Meldungen haben Ängste vor nuklearen Notfällen ausgelöst. Fragen und Antworten zu den Risiken solcher Angriffe für die Menschen in der Ukraine und ganz Europa.

Wie gefährlich war der Brand für die Menschen in der Ukraine?

Das lässt sich noch nicht abschließend sagen. Zurzeit gibt es von ukrainischen und internationalen Messgeräten keine Hinweise auf die Freisetzung radioaktiver Strahlung.

Wolfgang Renneberg, Experte für Atomsicherheit, weist aber darauf hin, dass man noch nicht wisse, ob Kühlketten des Kraftwerks durch den Brand unterbrochen wurden - etwa weil Strom fehlt oder Wasserleitungen beschädigt wurden. Das sei erstmal noch ein verbleibendes Risiko.

"Als Kernkraftwerk angegriffen zu werden, ist sicherlich schon ein Ernstfall", sagt Norbert Molitor, Experte für Nuklearanlagen, am Freitag dem WDR. Allerdings gebe es aktuell keine unmittelbare Gefahr. "Das Feuer ist im Griff, das Kraftwerk mittlerweile unter russischer Kontrolle." Wichtig sei, dass die Belegschaft vor Ort geblieben sei, betont Molitor. Deshalb sei die Sicherheit zumindest für den Augenblick nicht mehr gefährdet.

Ähnlich sieht das der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar. "Ich gehe wirklich davon aus, dass es hier nicht darum geht, die Anlagen selber zu zerstören, sondern sie zu übernehmen", so Yogeshwar im Gespräch mit dem WDR. Schließlich gehe es bei militärischen kampfhandlungen im Wesentlichen darum, die Infrastruktur zu übernehmen. Das könnten beispielsweise Häfen sein, aber auch - wie in diesem Fall - Energieanlagen.

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Sind die AKW in der Ukraine gegen militärische Angriffe geschützt?

Weltweit sind Atomkraftwerke nicht gegen militärischen Beschuss ausgelegt, so Renneberg: "Sie sind im Fall eines Krieges immer hoch gefährdet." Hingegen meint Experte Molitor, dass Atomkraftwerke auch extremsten Belastungen standhalten müssen. "Wie einem Flugzeugabsturz, was durchaus auch vergleichbar ist mit einem Raketenangriff." Die Sicherheit der ukrainischen Meiler sei zwar erfahrungsgemäß gut - eine Garantie für einen glücklichen Ausgang gebe es aber nicht.

Was ist das Worst Case Szenario bei möglichen weiteren Angriffen auf AKW in der Ukraine?

Bei einem solchen Angriff könnte das Containment eines Reaktors beschädigt werden, das ist die äußere Hülle. Florian Gering, Experte des Bundesamts für Strahlenschutz, erklärt in einem Presse-Gespräch, dass das nicht automatisch bedeutet, dass auch das Innere des Reaktors beschädigt wird. Wenn dem aber so sei, "dann könnte es ein ähnliches Szenario wie Tschernobyl geben." Es gibt aber natürlich auch deutlich harmlosere Szenarien.

Von Letzterem geht Yogeshwar aus. Vor allem, weil sich die Reaktoren von Tschernobyl und Saporischschja unterscheiden. "In Tschernobyl waren die Reaktoren graphitmoderiert, das war auch wenn es zu einem Brand kam ein Riesenproblem", so der Wissenschaftsjournalist, der 2016 selbst das verunglückte Kernkraftwerk im Norden der Ukraine besuchte. "Und sie hatten eben genau nicht diese schützende Hülle." Das sei aber bei den Folgereaktoren in der Ukraine anders.

Wie gefährlich können solche Angriffe für Deutschland sein?

Das Bundesamt für Strahlenschutz geht davon aus, dass es in Deutschland, wenn radioaktiv belastete Luft ins Land kommen würde, im schlimmsten Fall in erster Linie Auswirkungen auf die Landwirtschaft geben würde, auf Lebens- und Futtermittel. Die Notfallreaktionen würden sich darauf richten. "Wir gehen für solche Fälle nicht von einer so stark erhöhten Strahlung aus, die weitergehende Maßnahmen erfordern würde", hebt Gering hervor. "Auch nicht bei AKW in der Ukraine, die westlicher liegen."

Experte Renneberg ist bei seiner Einschätzung dazu zurückhaltend: "Ich wäre da mit Spekulationen ganz vorsichtig. Ein Tschernobyl-Effekt ist bei Angriffen nicht ausgeschlossen." Damit sei gemeint, dass radioaktive Partikel durch Feuer in hohe Luftschichten transportiert werden und so weit getragen werden können - theoretisch auch nach Deutschland.

Bei einzelnen Explosionen in ukrainischen AKW, die die Brennelemente nicht unmittelbar treffen und ihre Kühlung nicht beschädigen, geht Renneberg aber nicht von einem solchen Tschernobyl-Effekt aus.

Yogeshwar über Atom-Gefahr: Kein Grund für "Hysterie"

WDR 5 Morgenecho - Interview 05.03.2022 06:32 Min. Verfügbar bis 05.03.2023 WDR 5


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Schadet Putin nicht seinem eigenen Land mit Angriffen auf AKW, weil die Russen auch von radioaktiver Strahlung betroffen wären?

Vermutlich ja. In solchen Fällen wäre das Risiko "für Russland größer als für Europa", sagt Gering. Er weist aber auch darauf hin, dass exakte Vorhersagen für solche Fälle mit einer relativ hohen Unsicherheit behaftet seien.

Auch Experte Renneberg sagt, dass Russland als Nachbarland der Ukraine kein Interesse an nuklearen Notfällen in dem Land habe. "Im Kriegsgeschehen kann es aber sein, dass so etwas nicht kontrollierbar ist", sagt Renneberg. "Nicht jedem General, nicht jedem Kompaniechef ist bewusst, was er da tut. Und eine Granate oder Rakete kann auch zufällig treffen."

Wie zuverlässig sind die aktuellen Auskünfte, es sei keine radioaktive Strahlung ausgetreten?

Deutschland hat grundsätzlich ein sehr dichtes Netz zur Messung von Strahlung, das innerhalb von Minuten reagieren kann. Expertinnen und Experten schauen auch ständig auf ukrainische und internationale Daten und sprechen sich zusätzlich mit dem Deutschen Wetterdienst ab, weil Wind dabei auch immer eine Rolle spielt.

Renneberg sagt, den Daten der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) könne man vertrauen, wenn sie vor Ort in der Ukraine selbst gemessen habe - es sei aber fraglich, dass diese unabhängigen Messergebnisse gerade vorhanden seien.

Sollten sich die Menschen hier auf einen möglichen GAU vorbereiten? Sollte man Jodtabletten einnehmen?

Expertinnen und Experten raten dringend davon ab, auf eigene Faust Jodtabletten einzunehmen. Florian Gering vom Bundesamt für Strahlenschutz hebt hervor, es gebe dazu zurzeit keinen Anlass, durch eine Selbstmedikation könnten gesundheitliche Schäden entstehen. Für den Ernstfall habe Deutschland genug Jodtabletten für die ganze Bevölkerung - diesen Fall gebe es zurzeit aber nicht. Auch Wolfgang Renneberg rät von der Einnahme von Jodtabletten ab. Das sei jetzt völlig überzogen.

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