Taliban, IS, Al-Qaida: Wie stehen sie im "Wettkampf der Grausamkeiten" zueinander?

Taliban, IS, Al-Qaida: Wie stehen sie im "Wettkampf der Grausamkeiten" zueinander?

Bei den Explosionen in Kabul sollen auch Taliban-Soldaten ums Leben gekommen sein. Der IS hat sich bereits zu einem Anschlag bekannt. Was unterscheidet die Islamisten in Afghanistan?

Bei dem Doppelanschlag am Kabuler Flughafen sind nach jüngsten Angaben insgesamt 85 Menschen getötet worden. Es gebe mindestens 72 Todesopfer in den Krankenhäusern der Stadt, sagten zwei frühere Mitarbeiter des afghanischen Gesundheitsministeriums. Unter den Opfern seien viele Frauen und Kinder. Mehr als 150 Menschen seien verletzt worden.

Mindestens 28 Taliban sollen am Flughafen ums Leben gekommen sein. Wie ein Sprecher der Taliban erklärte, hätten sie damit mehr Einsatzkräfte verloren als die Amerikaner. Der sogenannte Islamische Staat (IS) reklamierte den Anschlag für sich.

Wie stehen die islamistischen Gruppen Taliban, IS und Al-Qaida zueinander?

Taliban, Al-Qaida und den "Islamischen Staat" verbindet die fundamentale Zurückweisung westlicher Werte. Sie lehnen eine demokratische Ordnung ab, in der Frauen und Männer gleichberechtigt sind. Grundlage politischen Handelns, gesellschaftlichen Lebens und wirtschaftlichen Wirkens muss ihrem Verständnis nach einzig und allein die Scharia sein - das sogenannte Islamische Recht.

Es gebe bei den Taliban eine interessante Entwicklung, sagte Terrorismus-Forscher Peter Neumann am Freitag in WDR aktuell. An der Spitze der Taliban gebe es vor allem ältere Pragmatiker. "Es gibt aber auch viele Hitzköpfe, Hardliner, jüngere Kommandeure, die das volle Programm sofort durchziehen wollen und dieser Machtkampf ist noch nicht entschieden."

Aber: "Der IS ist ein Feind der Taliban", so Neumann in der ARD. Es sei ein anderes Verhältnis als zwischen Taliban und Al-Qaida. Der IS habe nie eine Partnerschaft mit den Taliban gehabt, wie es zuvor Al-Qaida hatte. Der IS habe einen "Alleinvertretungsanspruch". Daher sehen auch die Taliban den IS als Gegner.

Porträt von Hasnain Kazim

Hasnain Kazim, freier Journalist und Autor

Afghanistan ist ein Land, das seit Jahrzehnten zerstritten ist, stellte Hasnain Kazim am Freitag im WDR5-Morgenecho fest. Die Afghanen müssten nun selbst einen Weg herausfinden. "Wir haben den IS dort und Al-Qaida ist auch nach wie vor da, wenn auch sehr geschwächt. Und ob die sich dann auf die Taliban verlassen oder ob die sich andere Möglichkeiten suchen, das wird man sehen."

"Aber es wird einen Wettkampf der Grausamkeiten geben - leider." Hasnain Kazim, Journalist und Autor

Kommt es in Afghanistan nun zum Bürgerkrieg?

Die Islamwissenschaftlerin Susanne Schröter befürchtete im ZDF-Morgenmagazin am Freitag zumindest "bürgerkriegsähnliche Zustände" in Afghanistan. Taliban und IS, konkurrierten um Macht, Einfluss und die religiöse Deutungshoheit, sagte die Direktorin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam. Man müsse nun Schlimmeres befürchten als nur eine islamistische Herrschaft, also ein "Emirat" der Taliban nach den Regeln der Scharia. Der Anschlag zeige, dass der IS selbst in der Hauptstadt zuschlagen könne und die Taliban nicht das ganze Land vollständig kontrollieren.

Die Terror-Gruppe Al-Qaida ist nach einem UN-Bericht vom Februar 2021 sehr geschwächt. Die Gesamtzahl der Mitglieder wird auf 200 bis 500 geschätzt. Aber es gibt Meldungen von militärischem Widerstand gegen die Taliban von Islamisten-Gegnern. Mehrere Hundert Taliban-Kämpfer sollen in das Pandschir-Tal beordert worden sein, um dort gegen die Gruppe "Nationale Widerstandsfront von Afghanistan" zu kämpfen, die nach eigenen Angaben für "Integration und Toleranz" stehen.

Studiogespräch: Peter Neumann, Terrorismus-Experte King´s College London

Peter Neumann, Terrorismus-Experte am King's College in London.

Auch Terrorismus-Experte Neumann sieht zwei Szenarien. Der Westen habe jetzt in dieser Situation ein Interesse daran, dass die Taliban ihre Herrschaft etablieren und dass sie gegen Gruppen wie den IS kämpfen, sagte Neumann am Freitag in WDR aktuell. Das wäre eine sehr problematische Taliban-Herrschaft aber das noch schlimmere Szenario sei, dass große Teile des Landes in einer bürgerkriegsähnlichen Situation sind, wo verschiedene Milizen gegeneinander kämpfen - und wo international orientierte Terror-Organisationen wie der IS Unterschlupf bekommen.

"Das ist wie die Wahl zwischen Pest und Cholera." Peter Neumann, Terrorismus-Experte

Was bedeutet der Terror in Kabul für unsere Sicherheitslage?

Eine größere Gefahr für Anschläge in Europa sehe er unmittelbar noch nicht, so Peter Neumann in WDR aktuell. Aber: Alle international orientierten terroristischen Organisationen versuchten momentan den Sieg der Taliban in Afghanistan "für sich zu reklamieren und propagandistisch auszuschlachten." Das sei wichtig, denn die dschiadistische Bewegung habe in den letzten Jahren nicht besonders viele Erfolge zu verzeichnen gehabt.

Die islamistische Szene hat bereits den Sieg der Taliban auf ihren Plattformen und in ihren Netzwerken aufgegriffen. "Sie inszeniert den militärischen Erfolg über die 'Ungläubigen' und identifiziert sich mit dem Kampf gegen den Westen", so die Bielefelder Soziologin Kerstin Eppert. Sie erforscht islamistische Radikalisierungsdynamiken am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG).

Der Sieg der Taliban könne der Szene hierzulande Auftrieb geben, der wegen der Niederlage des IS gerade ein Ziel und ein Identifikationspunkt fehlten. Dass es eine Bewegung unter Dschihadisten mit vermehrten Ausreisen geben werde wie zu Hochzeiten des IS in Syrien und im Irak, sei zur Zeit nicht abzusehen, so Eppert. Sowohl die Lage in Afghanistan als auch die Organisationsstrukturen der Taliban seien anders gelagert.

Stand: 27.08.2021, 14:03

Aktuelle TV-Sendungen