zwei afghanische Frauen draußen in der Kälte mit einem Kind im Arm

Desolate Lage in Afghanistan: "Eine humanitäre Katastrophe"

Stand: 15.02.2022, 06:45 Uhr

Humanitäre Krise, schwerste Menschenrechtsverletzungen - in Afghanistan ist die Lage sechs Monate nach der Einnahme Kabuls durch die radikalislamischen Taliban desolat. Ein Interview mit der Kölner Frauenrechtsorganisation Medica Mondiale.

Nichts ist wie es einmal war in Afghanistan. Ein halbes Jahr ist es inzwischen her, dass dort die radikalislamische Taliban die Hauptstadt Kabul eingenommen haben. Seitdem sind schwerste Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung, das Land steckt in einer tiefen humanitären Krise. Sybille Fezer, Vorständin und Leiterin des Afghanistan-Stabs bei der Frauenrechtsorganisation Medica Mondiale, versucht von Köln aus zu helfen.

WDR: Wie ist derzeit die Lage in Afghanistan?

Sybille Fezer

Sybille Fezer, Medica Mondiale

Sybille Fezer: Nach der Machtübernahme der Taliban wird die Lage für die Zivilbevölkerung immer dramatischer, es gibt eine humanitäre Katastrophe. Die Wirtschaft des Landes ist weitgehend zusammengebrochen, das Bankensystem kollabiert. Angestellten wird kein Einkommen mehr ausgezahlt, viele Afghaninnen und Afghanen haben ihre Jobs verloren und nun kaum noch Geld. Lebensmittelpreise steigen stark, mehr als die Hälfte der Bevölkerung leidet extremen Hunger. Diese Lage wird sich im Laufe der nächsten Monate wohl noch weiter verschlechtern.

WDR: Und wie ist aktuell speziell die Situation der Frauen und Mädchen in Afghanistan?

Fezer: Die hat sich seit der Machtübernahme der Taliban drastisch verschlechtert. Frauen wurden in den vergangenen Wochen und Monaten zunehmend aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen. Ihre Bewegungsfreiheit wird massiv eingeschränkt, da sie das Haus nicht mehr ohne Mahram - also einen männlichen Begleiter aus der Familie - verlassen dürfen. Ihnen wird der Zugang zu Bildung und politischer Teilhabe verwehrt. 

WDR: Es heißt, dass viele Menschen in Afghanistan um ihr Leben fürchten. Warum?

Fezer: Die Taliban schüren ein Klima der Verunsicherung und Angst. Medica Mondiale beobachtet eine Eskalation der Übergriffe gegen Frauenrechts-Aktivistinnen in Afghanistan. Proteste wurden blutig niedergeschlagen. Aktivistinnen sind Drohungen und anderen Einschüchterungsversuchen ausgesetzt. Frauenrechtsaktivistinnen werden verhaftet oder verschwinden nach öffentlichen Protesten. Es gibt dann keine weiteren Angaben zum Aufenthaltsort der Frauen.  

WDR: Die Situation spitzt sich, heißt es, täglich zu. Inwiefern?

Fezer: Die humanitäre Situation verschlechtert sich wie in einer Abwärtsspirale - der Winter wirkt dabei wie ein weiterer Katalysator. Wenn schwangere oder stillende Frauen unterernährt sind, kommen schon die neugeborenen Babys nicht ausreichend versorgt auf die Welt.

Afghanistan: Ein Kind gekleidet in einer schmutzigen Decke.

Die humanitäre Krise vergrößert die Verzweiflung vieler Familien - jeden Tag. Es gibt fast täglich Berichte von Eltern, die aus Verzweiflung, weil sie nicht wissen wie sie ihre Familien ernähren sollen, ihre teilweise sehr jungen Töchter "verkaufen" oder zwangsverheiraten.  

WDR: Wie kann Deutschland helfen?

Fezer: Die deutsche Bundesregierung trägt auch nach dem internationalen Truppenabzug Verantwortung. Sie unternimmt seit Monaten zu wenig, um ihrer Verantwortung gegenüber der Sicherheit von gefährdeten Menschen gerecht zu werden. Sie muss Frauenrechtsaktivistinnen und anderen gefährdeten Menschen eine sichere Ausreise nach Deutschland ermöglichen, zum Beispiel über Direktflüge von Afghanistan nach Deutschland. 

Bisher unterstützt die Bundesregierung nur Menschen, die es aus eigener Kraft in ein Nachbarland schaffen. Zudem muss dafür gesorgt werden, dass die dringend benötigte humanitäre Hilfe bei der afghanischen Bevölkerung ankommt.  

WDR: Hat aus Ihrer Sicht die Bundesregierung die Dringlichkeit der Lage erkannt?

Fezer: Der "Aktionsplan Afghanistan" der Bundesregierung nimmt wichtige Punkte in den Blick, zum Beispiel die Situation von Frauen und Mädchen. Aber jetzt geht darum, diese Punkte mit konkreten Maßnahmen umzusetzen. Es darf nicht bei Versprechungen bleiben.

Das Interview führte Sabine Meuter.

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