"Für die Taliban sind Frauen keine Menschen"

Milad von hinten

"Für die Taliban sind Frauen keine Menschen"

Für Milad, seine Frau und die beiden Kinder ist Deutschland wie eine zweite Heimat. Jetzt lebt er mit den Kindern hier, doch seine Frau sitzt in Kabul fest. Ein Interview über die Taliban, Angst und die Hoffnung auf Hilfe.

WDR: Als Ihre Frau in diesem Sommer nach Kabul gereist ist, hätten Sie sich vorstellen können, das sich die Situation in Afghanistan so schnell verändert?

Milad: Überhaupt nicht. Ich hätte erwartet, dass die Situation erst einmal so bleiben würde, wie sie war. Es gab Krieg in einigen Provinzen, die Regierung war sehr korrupt, die Menschen fühlten sich verloren und hilflos. Es war also alles sehr negativ. Aber ich hätte niemals erwartet, dass sich die Situation so schnell so dramatisch verändern würde. Die zweite Machtübernahme durch die Taliban war unvorstellbar.

Milad und seine Familie sind Afghanen. Sie haben in den vergangenen Jahren zeitweise in Deutschland, zeitweise in Afghanistan gelebt und gearbeitet. Seine Frau hat in Deutschland studiert und war Menschenrechtsaktivistin in Afghanistan. Die gemeinsamen Kinder haben hier einen Kindergarten besucht und gehen jetzt in Deutschland zur Schule. Alle vier haben eine Aufenthaltserlaubnis für Deutschland. Milads Name ist eigentlich ein anderer. Aus Angst vor den Taliban müssen er und seine Familie unerkannt bleiben. Das Interview haben wir auf Englisch geführt und übersetzt.

WDR: Ihre Frau sitzt jetzt in Afghanistan fest. Wie geht es Ihnen?

Milad: Es ist extrem schwierig. Ich sehe, wie viele Panikattacken meine Frau hat. Sie fühlt sich verlassen, zurückgelassen, gefangen. Sie hat Angst, dass - selbst wenn der Flughafen jemals wieder öffnen wird und sie mit ihrem deutschen Visum dorthin geht - die Taliban sie nicht passieren lassen werden. Weil sie nicht von einem männlichen Familienangehörigen begleitet wird.

Ich habe hier zwei Kinder, denen ich jeden Tag erklären muss, was passiert ist. Die fragen, wann ihre Mutter aus Kabul herauskommen wird. Das ist eine Situation, in der niemand sein möchte.

WDR: Sie haben sich an die deutsche Regierung gewandt und um Hilfe gebeten. Haben Sie jemals eine Antwort bekommen?

Milad: Nein. Es wurden einige E-Mail-Adressen bekannt gegeben, an die man sich wenden konnte. Ich habe Mails geschickt, Listen, Namen, Anfragen. Ich habe einige automatische Antworten bekommen mit der Ankündigung, dass sie sich melden würden. Aber es kam nichts, nichts Substanzielles, nichts Konkretes, keine persönliche Antwort mit Informationen, womit ich rechnen kann, was folgen wird.

WDR: Sie sind also auf sich allein gestellt?

Milad: Unglücklicherweise sieht es so aus. Aber ich hoffe, dass es nicht so bleiben wird. Das Auswärtige Amt hat die Macht, die Werkzeuge und die Möglichkeiten, etwas zu bewegen. Wenn irgendjemand die Taliban beeinflussen kann, um die Menschen aus Afghanistan herauszubekommen, dann ist es insbesondere die deutsche Regierung.

WDR: Die Taliban versprechen, dass Mädchen weiterhin zur Schule gehen dürfen, dass Frauen weiterhin arbeiten dürfen. Glauben Sie das?

Milad: Aus meiner persönlichen Erfahrung und nach allem, was ich von Bekannten, Freunden und Verwandten höre, kann ich sagen: Die Taliban versprechen das, um Geld zu bekommen, um anerkannt zu werden. Aber sie haben ein bestimmtes Wesen. Und zu diesem Wesen gehört, dass sie Frauen nicht als Menschen betrachten. Frauen sind in ihrer Sicht Männern nicht ebenbürtig. Sie dürfen nicht zur Schule gehen, sie dürfen nicht allein reisen, sie dürfen keine Entscheidungen treffen, sie dürfen kein unabhängiges Leben führen.

Ich sehe keine Möglichkeit, dass sich die Taliban ändern könnten. Und sie sind extrem gut darin, eine Stimmung zu schaffen, in der es Frauen sehr schwer gemacht wird. Sie sehen den Platz der Frau im Haus ihres Mannes. Das Haus verlassen sollen die Frauen erst dann, wenn sie beerdigt werden.

WDR: Wenn Sie an Ihre Frau denken, wovor haben Sie Angst?

Milad: Sie hat Panikattacken, sie hat Angst. Sie hat Probleme zu atmen, hat Angst, den Verstand zu verlieren. Außerdem habe ich Angst, dass sie geschlagen oder misshandelt wird, wenn sie beispielsweise zum Flughafen geht. Die schlimmste Angst aber ist, dass sie ihr Leben verlieren könnte. Daran möchte ich gar nicht denken. Es gibt Videos, die zeigen, dass die Taliban ohne zu zögern, Menschen auf der Straße erschießen. Ich hoffe, dass keine meiner Befürchtungen jemals wahr werden.

Das Interview führte Susanna Zdrzalek.

Stand: 24.09.2021, 09:00

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