Evakuierung aus Afghanistan: Zwei Kinder in Deutschland haben Angst um ihre Mutter

Evakuierung aus Afghanistan: Zwei Kinder in Deutschland haben Angst um ihre Mutter

Von Yvonne Dierkes

Hält der deutsche Außenminister sein Versprechen, Menschen aus Afghanistan zu retten? Für eine Familie in Deutschland hängt davon ab, ob zwei Kinder ihre Mutter wiedersehen und ein Ehemann seine Frau.

Wir nennen sie Zahra. Ihren wahren Namen dürfen wir nicht nennen, das würde sie in Lebensgefahr bringen. Denn Zahra sitzt in Kabul fest. Sie hofft darauf, dass Außenminister Maas sein Versprechen einhält, das er vor vier Wochen gegeben hat: "Unsere Arbeit geht solange weiter, bis alle in Sicherheit sind, für die wir in Afghanistan Verantwortung tragen."

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Zahra hat mit ihrer Familie in den vergangenen Jahren abwechselnd in Afghanistan und in Deutschland gelebt, besitzt auch zurzeit eine gültige Aufenthaltserlaubnis für Deutschland. Trotzdem wurde sie während der Evakuierungsflüge nicht in den Flughafen gelassen. Immer wieder hat sie es probiert, vergeblich.

Am letzten Checkpoint gescheitert

Warum, das ist schwer zu rekonstruieren. Zahra sagt, sie habe zwar gültige Papiere besessen, aber offenbar habe ihr Name nicht auf der Liste gestanden, die innerhalb des Flughafens kursierte. Ihr Mann Milad erzählt uns in Deutschland, drei Taliban-Checkpoints und einen US-amerikanischen habe Zahra passiert. Am letzten Checkpoint der Amerikaner sei sie gescheitert. Er vermutet, die deutsche Regierung habe die US-Soldaten nicht informiert.

Hilfe von Medica Mondiale

Dass sie überhaupt so weit vorgedrungen ist, hat Zahra auch Medica Mondiale zu verdanken. Die Frauenrechtsorganisation aus Köln versucht mit einer Partnerorganisation aus Afghanistan, Frauenaktivistinnen aus dem Land zu bringen. Auch Zahra hat sich in ihrer Heimat immer wieder für Frauenrechte eingesetzt. "Wir hatten die Zusage von den deutschen Behörden, dass die Frauen auf den Listen standen und die Listen am Flughafen vorliegen", sagt Sara Fremberg von Medica Mondiale. Doch dann seien die Frauen mit Gewalt zurückgedrängt worden.

Milad von hinten

Milad

Nun also gehen Zahras Kinder in Deutschland zur Schule und wissen nicht, wann sie ihre Mutter wiedersehen. "Ich muss ihre Fragen beantworten, jeden Tag", sagt Milad, der eigentlich auch anders heißt und in Deutschland arbeitet. "Es ist sehr schwer." Aber wieso ist Zahra in diesem Sommer überhaupt nach Afghanistan gereist? Sie wollte ihre kranke Mutter besuchen, ihre Schwester wiedersehen. Dass sich die Situation in Kabul so schnell derart dramatisch entwickeln würde - "das war für uns unvorstellbar", sagt Milad.

Beide kennen die Taliban aus ihrer Jugend. Zahra ging in Afghanistan zur Schule, als die Taliban das erste Mal an die Macht kamen. Frauen mussten daraufhin Burka tragen, durften nicht mehr im Büro arbeiten, durften das Haus nur verlassen, wenn sie von einem Mann begleitet wurden. Die Schulen für Mädchen wurden geschlossen. "Es wird wieder genauso", sagt sie.

Auch Milad glaubt den aktuellen Versprechen der Taliban nicht. Sie wollten nur Geld vom Ausland, sagt er. "Die Taliban haben ein bestimmtes Wesen. Und dazu gehört, dass sie Frauen nicht als Menschen betrachten." Er hat Angst, dass Zahra selbst dann nicht wird ausreisen können, wenn Deutschland wieder Flugzeuge zur Evakuierung schicken sollte. Sie habe keinen männlichen Familiengehörigen, der sie begleiten könne. In der Welt der Taliban dürfen Frauen nicht alleine reisen.

Aber noch sind keine weiteren Evakuierungsflüge in Sicht. Einzelne Maschinen hat es seit dem Ende der Evakuierungsmission zwar gegeben. Auch wurden wenige Menschen nach Deutschland gebracht. Aber angesichts der vielen tausend Menschen, die noch auf die versprochene Rettung durch die Bundesregierung warten, macht das wenig Hoffnung.

Das Auswärtige Amt bleibt vage

Wird das Auswärtige Amt Zahras Familie helfen? Milad hat auf seine vielen Mails nur automatische Antworten bekommen. Auch wir müssen lange warten und bekommen dann eine sehr vage Auskunft: "Afghanische Staatsangehörige, die bereits über einen gültigen Aufenthaltstitel verfügen, unterstützen wir im Rahmen unserer Möglichkeiten. Auch für sie würde der zivile Weiterbetrieb des Flughafens in Kabul potentiell eine Ausreisemöglichkeit schaffen."

Afghanistan-Einsatz: "Der Anschlag hat mich nicht überrascht"

WDR 5 Morgenecho - Interview 22.09.2021 09:55 Min. Verfügbar bis 22.09.2022 WDR 5


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Zahra wird sich weiterhin in Kabul verstecken müssen. Angst habe sie, allein auf die Straße zu gehen. "Du weißt nie, wer dort unterwegs ist, was passieren wird", sagt sie. Wenn sie, ihre Mutter und Schwester hören, dass die Taliban wieder von Tür zu Tür gehen und nach Afghanen suchen, die im Ausland gelebt oder als Aktivistinnen gearbeitet haben, verlassen sie ihr Haus und schlüpfen bei Bekannten oder Verwandten unter. "Wenn sie mich finden, werfen sie mich ins Gefängnis", sagt Zahra.

"Versagen der Bundesregierung"

Sara Fremberg von Medica Mondiale ist wütend über das "Versagen der Bundesregierung". Mutige Frauen würden im Stich gelassen. Ihre Organisation versuche weiterhin, Ausreisemöglichkeiten zu organisieren. Aber die Verantwortung, sagt Fremberg, die liege bei der Bundesregierung.

Und noch etwas ist ihr wichtig: Die Frauenaktivistinnen dürften nicht gezwungen werden, erwachsene Kinder oder ihre Eltern im Land zurückzulassen. Die Aufnahmezusage der Bundesregierung für Ehepartner und minderjährige Kinder sei nicht genug. Auch Zahra hat davor Angst, dass dieser Moment kommen könnte: Eine Chance zur Ausreise, zum Preis, die eigene Mutter zurückzulassen.

Stand: 24.09.2021, 15:14

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