Afghanen in NRW in Todesangst um Freunde und Familie

Afghanen in NRW in Todesangst um Freunde und Familie

Die Taliban haben in Afghanistan die Macht übernommen. Angst und Sorgen haben nicht nur die Menschen vor Ort, sondern auch ihre Verwandten und Bekannten in NRW.

Für all jene in NRW, die in Afghanistan Verwandte und Bekannte haben, ist die Machtübernahme der terroristischen Taliban besonders erschreckend. Dem WDR berichten sie von ihren Sorgen. Für manche ist es blanke Todesangst.

Hamed Rahimi aus Kreuztal: "Bitte, Deutschland, helft mir"

Ein Portraitfoto von Hamed Rahimi

"Meine Frau und die zwei Kinder werden hingerichtet, wenn die Taliban sie in die Hände bekommen. Sie haben es schon einmal versucht", sagt Hamed Rahimi aus Kreuztal im Siegerland. Der junge Mann wirkt nervlich am Ende, als er von seiner Familie in Kabul berichtet.

Rahimi kam vor zwei Jahren nach Deutschland. Die Welthungerhilfe, für die er arbeitete, ermöglichten ihm die Ausreis. Seine Frau und die zwei kleinen Söhne durften damals nicht mit. In Deutschland stellte Rahimi einen Asylantrag. Vor Kurzem wurde dieser abgelehnt.

"Bitte helft meinen kleinen zwei Kindern", fleht er in Richtung Bundesregierung. "Sie sind so schutzlos. Ich habe jahrelang für die Welthungerhilfe gearbeitet, mein Leben aufs Spiel gesetzt. Bitte, Deutschland, helft mir, dass meiner Familie geholfen wird."

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Gründerin einer Hilfsorganisation aus NRW

Zohra Soori-Nurzad

Auch die Gründerin einer Hilfsorganisation aus NRW hat Todesangst. Von Deutschland aus unterstützt sie mit einer Bildungsinitiative Frauen in Afghanistan, um ihnen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.

Genau jene Frauen müssten nun um ihr Leben fürchten, sagt sie. Sie habe von Schülerinnen eine Sprachnachricht erhalten, in der sie schildern, was ihnen nun drohen könnte. "Wenn die Taliban kommen - die haben Messer bei sich", so die Frauenrechtsaktivistin mit afghanischen Wurzeln. "Die werden sie sofort die Kehle durchbrechen. Verstehen sie, in was für einer Notlage wir sind, wir Frauen?"

Und selbst wenn viele Frauen in Afghanistan nicht sofort hingerichtet werden sollten: "Sie würden sie foltern." Auch eine öffentliche Steinigung drohe ihnen, um andere Frauen abzuschrecken, damit sie sich der Unterdrückung fügen.

Karla Schefter aus Dortmund: "Nachts bin ich oft wach"

Karla Schefter aus Dortmund hilft ebenfalls Menschen in Afghanistan von Deutschland aus. Vor 32 Jahren baute sie als Krankenschwester das Klinikum Chak-e-Wardak nahe Kabul auf und verbrachte dort mehrere Jahre. Noch heute unterstützt die 79-Jährige das Krankenhaus. Mit den Mitarbeitern steht sie derzeit täglich in Kontakt.

"Nachts bin ich auch oft wach", berichtet Schefter. Die Ereignisse in Afghanistan kämen ihr dann "einfach in den Kopf geflogen". "Das kann man nicht wie Licht einfach ausschalten."

Die Taliban hätten die Provinz, in der das Krankenhaus liegt, schon vor Wochen eingenommen, berichtet Schefter. Sie selbst stehe mit den Taliban in Kontakt - es bleibe ihr nichts anderes übrig. Zum Glück hätten die Kämpfer vor dem Krankenhauses Respekt. Manche von ihnen seien selbst schon dort behandelt worden, so Schefter. "Patient ist Patient", sagt sie. "Wer kommt, wird behandelt, und Schluss."

Arian Hassib aus Bochum: "Ich hab Angst"

Arian Hassib im Portrait.

"Im Moment habe ich große Sorgen", sagt Arian Hassib aus Bochum. Der Bauingenieur hat ebenfalls in Kabul Verwandte. Dort leben die Familien seines Bruders und seiner Schwester. Wegen der geschlossenen Geschäfte und Banken könnten die Kinder schon bald hungern, befürchtet er. Am Telefon höre er die Kinder schreien und weinen.

Durch Kabul zu fahren, um sich zu sehen, sei seinen Verwandten derzeit völlig unmöglich. Viele Wege seien versperrt. Ständig fielen Schüsse. "Es ist auch meistens so, dass die Taliban wahllos um sich schießen."

Er habe seinem Bruder und seiner Schwester geraten, alle Dokumente zu vernichten, die auf eine Zusammenarbeit mit der Regierung oder westlichen Organisationen hindeuten könnten. "Ich hab Angst, dass die Taliban in die Häuser reinkommen", sagt Hassib. Dann könnten ihnen die Dokumente in die Hände fallen.

Baryalay Mohamad aus Köln: "Ich weinen"

Baryalay Mohamad spricht in einem Interview

Auch Baryalay Mohamad aus Köln hat in Afghanistan Verwandte. Seine Mutter und seine jüngeren Geschwister hätten sich nach Kabul durchgeschlagen, erzählt er. Seit Sonntag sei der Kontakt zu ihnen abgebrochen.

Mohamad lebt seit 2015 in Deutschland, arbeitet als Hausmeister für eine Spedition. Zwei Jahre lang habe er in Afghanistan für die Bundeswehr gearbeitet, erzählt er.

"Ich weinen", sagt der 27-Jährige in gebrochenem Deutsch. Er fühlt sich machtlos, kann aus der Ferne nichts tun. Am liebsten würde er seine Mutter nach Deutschland holen, sagt er und ist den Tränen nahe.

Stand: 17.08.2021, 20:14

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