Taliban erobern Kundus: "Wir müssen uns arrangieren"

Eine Karte von Afghanistan bei der die Bezirke farblich markiert sind, welche von den Taliban kontrolliert werden.

Taliban erobern Kundus: "Wir müssen uns arrangieren"

Jahrelang war die Bundeswehr bei Kundus stationiert. Wenige Monate nach dem Abzug haben die Taliban nun die Stadt eingenommen. Die Hilfe müsse weitergehen, sagt Entwicklungshelferin Sybille Schnehage.

Bereits seit den 1980er-Jahren engagiert sich Sybille Schnehage in der humanitären Hilfe für Afghanistan. 1994 gründete sie den Verein Katachel, der sich Hilfe zur Selbsthilfe in der Region Kundus zur Aufgabe gemacht hat. Bis 2017 half Schnehage mit ihren Mitarbeitern, 31 Schulen zu eröffnen. Außerdem unterstützt der Verein Hunderte Witwen und Waisen in der umkämpften Region.

WDR: Frau Schnehage, wie ist die Situation in Kundus?

Sybille Schnehage mit afghanischem Mädchen

Sybille Schnehage

Sybille Schnehage: Ich bin ständig mit meinen Leuten in Kontakt. Schon gestern haben sie mir Videos von den Kämpfen geschickt. Von unserem Büro hat man einen guten Überblick über die Stadt. Der Rauch und der Gefechtslärm sind immer näher gekommen. Am Abend gab es Schießereien am Parlament, gerade 100 Meter von unserer Vertretung entfernt. Seit heute Morgen sind die Taliban bei uns angekommen - ins Haus selbst sind sie aber bisher nicht gekommen.

WDR: Wie geht es ihren Freunden und Mitarbeitern?

Eine Taliban-Flagge weht nach Kämpfen zwischen den Taliban und afghanischen Sicherheitskräften auf einem Platz in Kundus

Taliban-Flagge über Kundus

Schnehage: Soweit ganz gut. Wir haben schon mit dem Gouverneur der Taliban telefoniert und ihn nochmal darauf hingewiesen, dass wir eine unparteiische Hilfsorganisation sind. Es gibt ja schon seit Jahren eine Parallelregierung der Taliban in der Region Kundus - komplett mit Gouverneur und Ministern. Wir mussten schon immer den Kontakt pflegen, um unsere Arbeit nicht zu gefährden.

WDR: Machen Sie sich trotzdem Sorgen?

Schnehage: Natürlich. Aber was soll ich machen? Die Mitarbeiter des Militärs und des BMZ werden teilweise nach Deutschland geholt. Aber von NGOs eben nicht. Sie müssen sich mit den Taliban arrangieren. Ich war zuletzt im Juni vor Ort, da war die Entwicklung schon abzusehen und man konnte Vorbereitungen treffen. Ich hoffe nun sehr, dass sich die Situation beruhigen wird, wenn die Fronten geklärt sind.

WDR: Was wird jetzt aus den Schulen, die sie in der Region Kundus gegründet haben? Dürfen Mädchen jetzt nicht mehr zur Schule?

Menschen inspizieren die Trümmer von Geschäften, die bei Kämpfen zwischen den Taliban und afghanischen Sicherheitskräften zerstört wurden

Zerstörungen nach Kämpfen in Kundus

Schnehage: Das glaube ich nicht. Ich habe schon unter der Taliban-Regierung Mädchenschulen betrieben. Das Problem war immer vor allem die Sicherheit. Wie kommen die Mädchen unbeschadet zur Schule? Im ländlichen Afghanistan sind viele junge Männer arbeitslos und können es sich nicht leisten, eine Ehefrau zu kaufen. Das kostet mindestens 5.000 Euro. Deshalb kam es oft zu Entführungen von Mädchen - auch auf dem Weg zu Schule.

Die Taliban sagen: Die Mädchen müssen in Sicherheit sein. Wenn wir garantieren, dass sie sicher in die Schule kommen, dann haben sie nichts gegen eine gewisse Bildung: etwa bis zur sechsten Klasse.

WDR: Mit welcher Entwicklung rechnen Sie?

Taliban-Kämpfer in Afghanistan.

Taliban-Kämpfer - der einzige verfügbare Job

Schnehage: Das Hauptproblem Afghanistans ist die jahrzehntelange Vernachlässigung der ländlichen Gebiete. Als die internationale Gemeinschaft 2002 gekommen ist, hat sie viel Geld ins Land gepumpt. Allerdings ging ein Großteil an die afghanische Regierung und ist von dort aus in den Taschen der Eliten gelandet. In den Städten wurde vielleicht investiert, auf dem Land ist nichts angekommen. Die Jugend hat keine Arbeit, kein Geld und keine Perspektive. Die Taliban-Bewegung verfügt über große Finanzmittel, ob die nun aus Saudi-Arabien oder Pakistan kommen, kann ich nicht sagen. Die Taliban sind für junge Männer oft die einzige Möglichkeit, etwas Geld zu verdienen.

Andere binden sich abends einfach einen schwarzen Turban um und gehen auf Raubzug. Vor denen haben wir erheblich mehr Angst als vor den "echten" Taliban. Und ich habe wenig Hoffnung, dass die Taliban das Banditentum unter Kontrolle bringen können.

WDR: Tragen die Deutschen oder die Amerikaner eine Mitschuld an der Entwicklung?

Schnehage: Ich bin überzeugt: Hätten wir das ganze Geld nicht der Regierung überlassen, sondern den Bürgermeistern auf dem Land, für klare Projekte und mit einer strengen Kontrolle der Verwendung - damit hätten wir bestimmt etwas bewirkt.

Und dann hätten wir dringend in Familienplanung investieren müssen - vielleicht mit Seifenopern im Fernsehen, in denen die Frauen eben nicht 15 Kinder gebären und dennoch positiv dargestellt werden. Denn das rasante Bevölkerungwachstum in Verbindung mit Armut lähmt jede positive Entwicklung im Land.

WDR: Rechnen sie mit großen Flüchtlingsbewegungen, auch nach Deutschland?

Schnehage: Man kann davon ausgehen, dass sich in absehbarer Zeit bis zu drei Millionen Afghanen auf den Weg nach Europa machen. Ich frage die Menschen immer: Warum geht ihr nicht nach Saudi-Arabien, das sind Moslems, das ist eure Kultur. Die Antwort ist immer: Nein, Deutschland ist besser. Also: Wir müssen unbedingt die Afghanen unterstützen, sich im ländlichen Raum eine Zukunft aufzubauen. Wenn nicht, sind die Folgen für Deutschland und Europa absehbar.

Das Interview führte Andreas Poulakos.

Stand: 08.08.2021, 15:53

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