Problematische Abfallverbrennung in Kohlekraftwerken

Braunkohle-Kraftwerk Niederauߟem von RWE Power

Problematische Abfallverbrennung in Kohlekraftwerken

Von Jürgen Döschner

  • 1,6 Millionen Tonnen Abfall allein in NRW verbrannt
  • Bei Klärschlamm droht Entsorgungsnotstand
  • Kritiker sprechen von "Billigentsorgung"

Nach Recherchen des WDR wurden 2017 insgesamt 1,6 Millionen Tonnen Abfälle und Produktionsrückstände in nordrhein-westfälischen Kohlekraftwerken verbrannt. Das NRW-Umweltministerium nannte auf Anfrage 56 verschiedene Stoffe - von Klärschlämmen über Lösemittel bis hin zu alten Maschinen- und Getriebeölen. Die Mehrzahl der Stoffe wird als gefährlich eingestuft. Bundesweit werden jährlich mehr als fünf Millionen Tonnen Abfall und Produktionsrückstände in Kohlekraftwerken entsorgt.

RWE ist Großabnehmer

Größter Einzelposten ist Klärschlamm. In Nordrhein-Westfalen machen die Reste aus den kommunalen und industriellen Kläranlagen etwa die Hälfte der mitverbrannten Stoffe aus. Allein RWE entsorgte nach eigenen Angaben im letzten Jahr in den Braunkohlekraftwerken Berrenrath, Goldenbergwerk, Frechen und Weisweiler 800.000 Tonnen Klärschlamm.

Kohlekraftwerke in NRW

Der Vorteil für die Kraftwerksbetreiber: Sie sparen die Ausgaben für den üblichen Brennstoff Kohle und die CO2-Zertifikate. Die Abfallerzeuger profitieren, weil die Mitverbrennung im Kohlekraftwerk günstiger ist als die Entsorgung in Müll- oder Sondermüllverbrennungsanlagen.

Rückstände oft belastet

Beim Klärschlamm sind Kohlekraftwerke inzwischen die wichtigsten Abnehmer. Denn die Rückstände sind oft stark belastet. Erst Ende 2017 wurde die Verwertung als Dünger in der Landwirtschaft weiter eingeschränkt. Seither spricht der Verband Kommunaler Unternehmen (VKU) von einem "Entsorgungsnotstand" in manchen Regionen. Mit der absehbaren Abschaltung von Kohlekraftwerken dürfte sich die Lage weiter verschärfen - auch in NRW. Das Umweltministerium hat bereits eine Studie zur Umstrukturierung der Klärschlamm-Entsorgung in Auftrag gegeben.

Oliver Krischer

Oliver Krischer: "Umweltdumping"

Kritikern ist die Verbrennung von Abfällen in Kohlekraftwerken seit langem ein Dorn im Auge. Der Kieler Umwelt-Toxikologe Hermann Kruse warnt gegenüber dem WDR vor erhöhten Schadstoff-Emissionen. Kohlekraftwerke seien eben keine Müllverbrennungsanlagen. Ähnlich argumentiert der Aachener Grünen-Politiker Oliver Krischer. Der stellvertretende Fraktions-Chef der Grünen im Bundestag spricht von "Billigentsorgung" und "Umweltdumping".

Gerichte legen sich quer

Manche Behörden und Gerichte bestätigen die Einwände. So wurde 2003 ein Antrag der Steag auf Mitverbrennung von Klärschlamm im Kohlekraftwerk Bexbach (Saarland) wegen zu erwartender zusätzlicher Feinstaub- und Quecksilber-Belastung abgelehnt. Und 2009 stoppte ein Kölner Gericht die Mitverbrennung von Abfällen der Leverkusener Firma "Kronos Titan", dem sogenannten "Kronocarb", in einem Kohlekraftwerk in Herne.

Auch die Verbrennung der sogenannten Ölpellets aus der Gelsenkirchener BP-Raffinerie in dem benachbarten Uniper-Kohlekraftwerk ist umstritten. Gerichtlich geklärt wurde die Frage bislang allerdings nicht.

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Stand: 26.02.2019, 06:00

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