Tiktok: Wenn Antisemitismus trendet

Logo von TikTok vor einem unscharfen Smartphome-Bildschirm

Tiktok: Wenn Antisemitismus trendet

Von Damla Hekimoglu

Das Soziale Netzwerk Tiktok ist bekannt dafür, dass Videos schnell in den Trends landen. In den letzten Tagen wurden dort judenfeindliche Inhalte millionenfach aufgerufen.

"Bei Tiktok schaut man sich ein Video an mit süßen Hunden und das nächste Video ist schon ein kleines Mädchen, was keinen Arm mehr hat - mit sehr pathetisch-kitschiger Musik darunter gelegt." Der WDR- Journalist Abdullah Erdogan beobachtet, dass sich auf Social Media Kanälen etwas verändert hat in den letzten Wochen.

Der Konflikt zwischen dem israelischen Militär und den Kämpfern der palästinensischen Hamas wird auch auf Tiktok ausgetragen. Zusätzlich zeigt sich antisemitischer Hass. Abdullah Erdogan bekommt seit der jüngsten Eskalation des Nahost-Konfliktes regelmäßig Bilder des Krieges direkt auf sein Handy – teils durch Algorithmen, teils durch Freunde, die diese Videos mit ihm teilen.

Abdulah Erdogan sitzt vor seinem Computer und trägt ein Headset, für das Video-Interview

Abdullah Erdogan

Die Kommentarspalten dieser Videos sind voller antisemitischer Parolen und werden vielfach geteilt. "Im Anschluss an diese Bilder kommen relativ heftige, programmatische oder sehr politische Äußerungen gegenüber Israel, viele auch voll mit Antisemitismus", sagt er.

Judenfeindliche Hashtags erreichen Millionen

Hashtags wie #PLM (kurz für: PalestinianLivesMatter in Anlehnung an BlacklivesMatter) haben mehr als 340 Millionen Aufrufe und wollen die antirassistische Bewegung auf TikTok mobilisieren.

Daneben gibt es aber auch judenfeindliche Hashtags, die teils mehr als zwei Millionen Mal aufgerufen wurden. Dort wird zum Beispiel eine Analogie hergestellt zwischen Israels Staatsgründung und Corona. So wird das antisemitische Narrativ bedient, Juden als Virus zu bezeichnen, von denen alles Böse ausgeht. Auch Emoji-Kombinationen mit der Israel-Flagge gefolgt von einem Mittelfinger- und Kotz-Emoji werden millionenfach aufgerufen.

Das Tückische daran: der Schneeballeffekt. Wer sich diese Videos anschaut, bekommt durch den Algorithmus mehr Videos zu diesem Thema und Hashtag ausgespielt.

Emotionale Inhalte generieren mehr Aufmerksamkeit

Philipp Lorenz-Spreen Steht vor einer Wand aus Holz

Philipp Lorenz-Spreen

Philipp Lorenz-Spreen beobachtet am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung die Schattenseiten der Sozialen Medien und sieht die Gefahr bei sozialen Netzwerken wie TikTok darin, dass es nur um Aufmerksamkeit geht: "TikTok ist ein gutes Beispiel für einen generelleren Trend, den wir beobachten können: eine Beschleunigung des öffentlichen Diskurses und damit einhergehend eine oberflächlichere Behandlung von einzelnen Themen."

Eine Diskussion über den Nahost-Konflikt werde auf dieser Plattform leicht polarisiert, da es wenig Raum für ausgewogene Stellungnahmen gäbe. Seiner Meinung nach "generieren emotionale oder moralisch aufgeladene Inhalte mehr Aufmerksamkeit" - in einer solchen politischen Situation könne dies zur Verstärkung der Verbreitung antisemitischer Inhalte führen.

"Entschieden gegen Hass-Gruppen"

Auf WDR-Anfrage sagt Tiktok: "Wir gehen entschieden gegen Hass-Gruppen oder -Ideologien vor, indem wir Konten sperren und Inhalte entfernen, sobald sie identifiziert werden. Das gilt insbesondere auch für Inhalte, die den Holocaust oder andere gewaltsame Katastrophen leugnen oder verharmlosen."

Allerdings: Erst nachdem wir dem Unternehmen Links zugeschickt haben, die noch online waren, wurden diese entfernt – offensichtlich kommt das Community Management bei dem zunehmenden Antisemitismus auf Tiktok nicht hinterher.

TikTok profitiert vom Mechanismus

Der WDR-Journalist Abdullah Erdogan hat die Erfahrung gemacht, dass es schwer ist, seine Meinung frei zu äußern. Wenn er sich gegen Antisemitismus positioniere, sage man ihm, er sei verblendet und sehe die Wahrheit nicht.

Wer am Ende von diesem Mechanismus profitiert, ist die Plattform TikTok. Die User und Userinnen bleiben länger online, interagieren mehr und sind so länger zugänglich auch für die werblichen Inhalte.

Stand: 24.05.2021, 14:57

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