Corona-Krise - Verbände warnen vor Zusammenbruch der Lieferketten

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Corona-Krise - Verbände warnen vor Zusammenbruch der Lieferketten

Corona hat den Arbeitskräftemangel vor allem in der Logistik verschärft. Deshalb haben internationale Transportverbände und Gewerkschaften einen offenen Brief an die UN-Vollversammlung geschrieben. Sie warnen davor, dass Lieferketten zusammenbrechen könnten.

WDR-Moderator Oliver Thoma hat darüber mit Frank Huster gesprochen. Er ist Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Spedition und Logistik. 

Thoma
Ein Brief an die Vereinten Nationen. Das ist ja eigentlich ziemlich ungewöhnlich. Ist die Lage wirklich so dramatisch?

Huster
In der Tat dramatisiert sich die Lage zusehends. Wir haben, das kommt aus dem Brief ja auch klar zum Ausdruck, nicht nur ein Lkw-Fahrer-Mangel. Wir haben eigentlich einen Mangel in der Logistik an allen Fachkräften. In Deutschland drückt sich das auch darin aus, dass Lagerarbeiter fehlen und Terminalmitarbeiter. Es fehlen aber auch Lokführer für die Güterbahnen und Binnenschiffer. Wir wollten  darzulegen, dass die eigentlich sonst geräuschlose Logistik, die täglich Waren und Güter in unserer Regale und an die Fließbänder bringt, langsam an ihre Kapazitätsgrenzen stößt.

Covid hat das wirklich auf die Spitze getrieben, weil teilweise Seeleute bis zu 18 Monate in den Häfen ihre Schiffe nicht verlassen durften, weil sie nicht geimpft wurden oder geimpft werden konnten: Und Lkw-Fahrer mit und ohne Impfung mit langen Formalitäten an Grenzen aufgehalten wurden und dort teilweise mehrere Tage bis hin zu Wochen warteten.

Thoma
Aber so dramatische Bilder wie in Großbritannien werden wir wahrscheinlich in Deutschland trotzdem nicht sehen. Oder?

Huster
Das ist richtig. In Großbritannien haben wir das Thema, dass der Brexit das Problem dramatisch dadurch verschärft hat, weil die Arbeitnehmerfreizügigkeit eingeschränkt wurde. Es mussten bis zu 15.000 Fahrer, die keine Staatsbürgerschaft im Vereinigten Königreich hatten, das Land verlassen. Man hat sehr wie in vielen anderen Ländern, wie übrigens in Deutschland auch auf osteuropäische Kräfte gebaut. Die sind nicht mehr verfügbar. Und deshalb sehen wir jetzt Bilder an Tankstellen, die ja die ein Versorgungsengpass suggerieren, obwohl eigentlich genug Sprit da ist.

Thoma
Auch in Deutschland waren eben sehr viele Fahrer aus Osteuropa. Wollen Deutsche diesen Job eigentlich nicht mehr machen?

Huster
Es ist nicht nur die Frage, ob sie es nicht mehr wollen, sondern ob sie auch adäquate Bedingungen vorfinden. Viele Arbeitgeber in Deutschland, also deutsche, kleinere Transportunternehmen, sagen, sie würden einem Fahrer gern mehr Gehalt bezahlen. Aber wir haben einen internationalen Wettbewerbsdruck. Und es ist eben so, dass die Kosten und Sozialstruktur in den osteuropäischen Staaten deutlich unter der in Deutschland liegt. Man versucht das Ganze jetzt durch das sogenannte Mobilitätspaket zu heilen, indem man den Zugang zu nationalen Märkten etwas erschwert. Übrigens eine sehr untypische Aktion der europäischen Staatengemeinschaft, die ja sonst immer auf Freizügigkeit baut.  

Thoma
Aber hat nicht vielleicht auch die Speditionsbranche ihren Anteil daran? Man hat sich nicht früh genug gekümmert, um das Problem. Man hat nicht sich vor allem nicht genug um ausreichenden Nachwuchs gekümmert? Und vielleicht auch damit gesorgt, dass die Bezahlung und die Arbeitsbedingungen so schlecht sind?

Huster
Ich will das gar nicht von der Hand weisen, die Wahrheit liegt wie immer in der Mitte, auch bei diesen Fragen. Das deutsche Straßentransportgewerbe haben in der Tat natürlich vielleicht auch zu lange abgewartet. Insofern haben wir in der Tat diesen Teufelskreis als Branche selbst beschleunigt. Wir sind sozusagen dem Trend der billigen Arbeitskraft gefolgt. Und all diejenigen Unternehmen, die national anbieten, haben natürlich heute ein großes Problem. Aber Bezahlung ist nicht alles, sondern das Thema Wertschätzung für den Beruf spielt natürlich auch eine wichtige Rolle. Und die Wertschätzung erfahre ich als erstes bei meinem eigenen Arbeitgeber.

Thoma
Was können Sie tun, damit sich die Lage für die Arbeitskräfte in der Branche verbessert?

Huster
Ich glaube nicht, dass sich das Rad zurückdrehen lässt. Was kann man dagegen tun, um dieses Wettbewerbsgefälle zu entzerren? Die europäische Staatengemeinschaft hat mit dem sogenannten EU-Mobilitätspaket einen neuen Regelungsrahmen versucht zur ersinnen. Dass zum Beispiel das Fahrzeug alle acht Wochen wieder in den Ort der Niederlassung zurückkehren muss. Oder Lenk- und Ruhezeiten strikter eingehalten werden, in dem Fahrer gesetzlich gezwungen werden, nicht mehr im Fahrzeug zu übernachten, sondern in Hotels auszuweichen. Aber alle Maßnahmen, die getroffen wurden sind sehr kurz gedacht und sind zum Teil wieder kontraproduktiv. Denn das Fahrzeug nach acht Wochen wieder ins Heimatland zurückzuschicken, bedeutet das dann wiederum die Logistikengpässe sich weiter verschärfen, weil diese Kapazitäten in Deutschland nicht vorhanden sind. Wir sind in einer Spirale, die sich nach unten dreht.

Thoma
Nun haben rund 15.000 osteuropäische Fahrer Großbritannien verlassen. Fahren die jetzt eigentlich für ihre Mitgliedsunternehmen? Haben Sie da also vom Brexit profitiert?

Huster
Hin und wieder haben auch deutsche Unternehmen vom Brexit profitiert. Viele dieser osteuropäischen Arbeitskräfte sind tatsächlich wohl in ihre Heimatländer zurückgekehrt. Denn auch in Polen und in Bulgarien und Rumänien stieg Lohnniveau schleichend. Also die Mär vom deutschen Fahrer, der zu einem Tariflohn im Vergleich zu einem bulgarischen Fahrer mit bulgarischem Mindestlohn fährt, die existiert quasi nicht.

Thoma
Kapsel vielleicht doch irgendeine Möglichkeit, die Löhne zu erhöhen für die Leute, dass es dann doch attraktiver wird, zum Beispiel als Lkw-Fahrer zu arbeiten?

Huster
Also die Bereitschaft in der Branche ist durchaus da. Und man muss auch differenzieren, zwischen regionalen Verkehren und europäischen Verkehren, also auf der langen Strecke für regionale Verkehre. Hat das Lohn, ist das Lohngefüge schon angestiegen. Diese Jobs sind auch deutlich attraktiver. Ganz einfach deshalb, weil der Lkw-Fahrer dann abends wieder zu Hause ist und bei seiner Familie sein kann, also sozusagen einen geregelten Acht-Stunden-Job hat. Für die Fernstrecke ist das sozusagen geradezu unrealistisch, weil das Wettbewerbsgefälle zwischen osteuropäischen und westeuropäischen Ländern einfach so stark ist, dass hier eine Lohnpreisentwicklung unweigerlich zum Marktausschluss vieler Deutsche Transportunternehmen führen würde. Da sehe ich noch kein Licht am Horizont.

Stand: 30.09.2021, 16:25

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