Ein Jahr nach Hanau: "Deutschland ist nicht weniger rassistisch"

Farhad Dilmaghani

Ein Jahr nach Hanau: "Deutschland ist nicht weniger rassistisch"

Von Philip Brost

Teil 3/3 - Das Vorbild Neuseeland - was macht Hoffnung?

WDR: Das ist der Blick zurück. Haben die rassistischen Morde in Hanau denn auch etwas verbessert? Hat sich in Deutschland etwas zum Positiven verändert?

Dilmaghani: Das Gefühl, dass Hanau morgen jederzeit wieder passieren kann, ist in der Community überall präsent. Also was die individuelle persönliche Einschätzung der Sicherheitslage angeht, würde ich sagen, gibt es an der Stelle keine Verbesserung. Selbst innerhalb der Sicherheitsbehörden werden immer wieder Fälle von Rassismus bekannt.

Meine persönliche Einschätzung ist aber, dass sich auf jeden Fall das Bewusstsein verbessert hat. Dass es gesamtgesellschaftlich ein Thema ist. Dass es politisch ernster genommen wird und es immer wieder Vorstöße gibt, auch in Institutionen und Bereichen, wo Rassismus bisher sehr stark tabuisiert wurde, diesen sichtbarer zu machen und aufzuarbeiten. Es setzt sich also langsam in Bewegung. Auch die Bundesregierung hat sich nach erheblichem Druck bewegt und ein breites Maßnahmenbündel auf den Weg gebracht. Das war so zu Beginn der Legislaturperiode nicht zu erwarten. Aber es ist noch zu zögerlich, wenn es darum geht, die strukturellen Schlussfolgerungen daraus zu ziehen.

WDR: In einem offenen Brief an die Bundeskanzlerin schreiben Sie, Menschen, die nicht selbst von Rassismus betroffen sind, nehmen ihn oftmals nur in Extremfällen wahr – nach Gewalttaten, wie in Hanau. Menschen, die jedoch von Rassismus betroffen sind, bekommen ihn nahezu tagtäglich zu spüren. Was für Situationen sind das?

Dilmaghani: Sagen wir mal Ali macht ein Diktat und Jonas macht ein Diktat. Beide haben genau die gleiche Fehleranzahl. Trotzdem kriegt Jonas eine bessere Note. Solche Situationen gibt es jeden Tag und sie sind wissenschaftlich nachgewiesen. Gleiches bei der Wohnungssuche. Jonas ruft an und sagt, ich hätte gerne diese Wohnung – den Rest können Sie sich denken. Der ein wird eingeladen. Bei dem anderen heißt es, die Wohnung sei schon vergeben.

Das ist Alltag. Nicht in allen Fällen, aber jeder Fünfte Vorgang ist so, und dann gibt es natürlich auch ganz viele Mikroaggression im Alltag. Man wird beschimpft oder zurechtgewiesen. Es gibt auch subtile Formen der Ausgrenzung und so weiter und so weiter.

WDR: Kann das denn im Bundestag – in den politischen Institutionen – gelöst werden? Oder müsste das nicht viel früher möglicherweise im Kindergarten angegangen werden?

Dilmaghani: Es gibt nicht den Knopf, wo Sie draufdrücken und es wird auf einmal eine wunderbare antirassistische Gesellschaft. Aber sie können die gesellschaftliche Entwicklung beeinflussen. Mein Lieblingsbeispiel ist Neuseeland. Dort gibt es ein „Wellbeing Budget“ – also Lebensqualität für alle. Dabei wird auch adressiert, welche Bevölkerungsgruppen tatsächlichen Nachholbedarf haben. Aber man versucht nicht einzelne Gruppen gegeneinander auszuspielen, sondern den gesellschaftlichen Zusammenhalt insgesamt zu stärken Auch nach den Anschlägen in Neuseeland haben wir gesehen, wie die Premierministerin reagiert hat. Sie hat wie selbstverständlich als Geste der Verbundenheit ein Kopftuch aufgezogen und sofort entsprechende schärfere Gesetze zum Waffenbesitz erlassen. Diese Mischung aus Symbolpolitik, die inkludierend ist und den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärkt, isoliert die, die extremistische Positionen haben. Das finde ich, ist eine Erfolgsformel.

WDR: Wie weit ist Deutschland von so einer Erfolgsformel entfernt? Haben Sie Hoffnung, dass auch uns das gelingt?

Dilmaghani: Ich habe die Hoffnung, dass es die stärkeren Argumente gibt, diese Sichtweise voranzubringen und ich habe auch den Eindruck, dass es dafür sehr viel Unterstützung gibt. Schauen Sie auf das Thema Geflüchtete. Es gab konstant 65 bis 80 Prozent Unterstützung für die Aufnahme von Geflüchteten. Fast die Hälfte der Bevölkerung hat sich in der einen oder anderen Art und Weise dafür zivilgesellschaftlich engagiert. Aber trotzdem war die andere Seite lauter und hat sich auch in Teilen durchgesetzt. Aber ich glaube, dass es dieses Potenzial in der Gesellschaft gibt und dass wir das stärker fördern müssen. Ich hoffe sehr stark, dass das in den nächsten Jahren maßgebend bleibt. Die überwältigende Mehrheit in Deutschland möchte in guter Nachbarschaft leben. Darum bin ich optimistisch.

Stand: 19.02.2021, 06:00

Aktuelle TV-Sendungen