Ein Jahr nach Hanau: "Deutschland ist nicht weniger rassistisch"

Farhad Dilmaghani

Ein Jahr nach Hanau: "Deutschland ist nicht weniger rassistisch"

Von Philip Brost

Teil 2/3 - "Es geht nicht um Umerziehung der Gesellschaft"

WDR: Das klingt sehr bürokratisch. Wie verändert man damit aber rassistische Einstellungen und was die Leute denken?

Dilmaghani: Das geht Hand in Hand. Man kann die Bevölkerung sensibilisieren. Beispielsweise hat die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung einen sehr guten Job gemacht im Kampf gegen sexuell übertragbare Krankheiten. Denn wenn sie Institutionen schaffen und verändern, entsteht eine kontinuierliche Kommunikation und eine Verhandelbarkeit von diesen Themen. Es entsteht automatisch ein stärkerer Ausgleich in den Meinungen, die dann öffentlich verhandelt werden. Also es geht um langfristige Einstellungsänderung und nicht um die Umerziehung der Gesellschaften. Rassismus ist natürlich keine Krankheit. Deswegen trägt der Vergleich zur Bundeszentrale nur bedingt. Aber es muss transparent werden, was Rassismus ist, wie er funktioniert und es braucht entsprechende Reaktionen durch Institutionen. Es ist noch ein langer Weg hin zu einer antirassistischen Gesellschaft. Zugleich ist es der Kern unserer Verfassung, der die Würde des Menschen als unantastbar beschreibt und in Artikel 3, dass niemand benachteiligt werden darf. Wir arbeiten also daran, dass das was schon Verfassungslage ist auch durchgängig Wirklichkeit wird.

WDR: Warum tut sich Deutschland da aus Ihrer Sicht so schwer mit?

Dilmaghani: Das hat wahrscheinlich auch viel damit zu tun, dass es in Deutschland ein schwieriges Selbstverständnis zum eigenen Land gibt. Das sieht man an den ganzen Debatten um die Wiedervereinigung. Dann ist es so, dass Rassismus in Deutschland über Jahrzehnte nicht thematisiert wurde, obwohl es massive rassistische Gewalt gegeben hat. Sie können sich vielleicht an das Oktoberfest-Attentat in den 80er-Jahren erinnern. Letzten Sommer gab es den vierzigsten Jahrestag und erst drei Wochen vor diesem vierzigsten Jahrestag wurde das von der Generalbundesanwaltschaft als eine rechtsextremistische Tat eingestuft. Sie können daran sehen, es gibt ein Problem in Deutschland, Rassismus klar zu benennen, zu bekämpfen und sichtbar zu machen.

Stand: 19.02.2021, 06:00

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