Leben nach der Flut – Zurück in die Häuser an der Abbruchkante

Leben nach der Flut – Zurück in die Häuser an der Abbruchkante

Seit knapp zwei Wochen dürfen auch die letzten Anwohner der Radmacherstraße in Erftstadt-Blessem wieder in ihre Häuser. Die Behörden haben sie als sicher eingestuft und freigegeben. Jetzt beginnt der schwierige Wiederaufbau.

Draußen: Chaos. Drinnen: Leere. Wer durch das entkernte Erdgeschoss im Haus der Familie Dunkel geht, blickt auf kahle Steinwände, die mal mehr, mal weniger dunkel schimmern. "Hier steckt die Feuchtigkeit drin", erzählt Sohn Thomas Dunkel. Es werde noch Wochen dauern, sagt er, bis alles so weit getrocknet ist, dass die Sanierung weitergehen kann.

Rückkehr in Haus erst vier Wochen nach der Flut

Am 13. August durfte die Familie Dunkel endlich zurück in ihr Haus. Ein Statiker hatte das Go gegeben, dann kam die lang ersehnte Freigabe der Stadt. Zuvor waren ihr Haus und weitere in der Straße seit dem Hochwasser Mitte Juli von den Behörden gesperrt. Die Abbruchkante musste erst gesichert und einige Nachbarhäuser abgerissen werden.

Eine Frau steht vor einem Regal, in dem verschlammte Gegenstände liegen

Im Erdgeschoss stand das Wasser mehr als einen Meter hoch. Maria Dunkel schaut sich die Schäden an – in den Regalen sind Unterlagen und Erinnerungsstücke zerstört worden.

Der erste Gang zurück ins Haus war – so sagen es die Dunkels – schockierend. Das Erdgeschoss hatte mehr als einen Meter unter Wasser gestanden. Dort haben die Dunkels eine Küche, einen Partyraum und ein Hobbyzimmer. Bei der Rückkehr kam die Tapete schon von der Wand, der Linoleumboden hatte sich gewellt. Im Keller war die Feuchtigkeit noch deutlicher zu spüren, der Fußboden auch Wochen nach der Flut mit einer rutschigen, braunen Schlammschicht überzogen. Derzeit wohnen sie zur Miete in einer Übergangswohnung, wollen aber sobald es geht in die erste Etage in ihrem Haus zurück ziehen.

Frau steht in dem Chaos, das die Flut in ihrem Wohnzimmer hinterlassen hat

Der 13. August 2021: Maria Dunkel ist zum ersten Mal zurück im Haus. Der Fußboden wellt sich, auf dem Boden liegt der umgestürzte Kühl- und Gefrierschrank, in dem die Lebensmittel längst verdorben sind.

Große Sorge: Werden Helfer kommen?

Die Dunkels hatten damals vor allem eine Sorge: dass sie den Wiederaufbau allein nicht schaffen. Ulrich Dunkel, der sein Leben lang auf dem Bau gearbeitet hat, ist jetzt mit 73 Jahren durch eine Gehbehinderung auf den Rollator angewiesen. Außerdem hat sich bei der Flucht vor dem Hochwasser am Arm verletzt. Doch die Sorgen der Familie waren unbegründet: unzählige Helfer waren an den Wochenenden zur Stelle, um zu unterstützen. "Die haben gearbeitet wie die Tiere", erzählt Ulrich Dunkel. "Man musste denen sagen, sie sollen mal Pause machen, sonst hätten die immer weiter geschuftet. Die Hilfe war sowas von fantastisch – alleine hätten wir das nicht geschafft! Dann hätte ich aufgegeben."

Inzwischen haben die Dunkels entscheiden: Sie wollen wieder in ihr Haus zurück ziehen. Eine Nachricht, die auch das Ehepaar Groten von gegenüber sehr gefreut hat. "Da waren wir froh, dass wir nicht alleine sind!", erzählt Waltraud Groten. Seit mehr als 50 Jahren leben die Familien gegenüber voneinander, haben die Kinder aufwachsen sehen, sich in Blessem zuhause gefühlt.

Blick auf Dörfliche Straße, die mit Schlamm bedeckt ist

Blick in die Radmacherstraße am 25.08.: Sie endet in dem Krater, den die Flut gerissen hat.

Geflutete B265: Überschwemmungsrisiko war bekannt

WDR 5 Morgenecho - Beiträge 26.08.2021 03:17 Min. Verfügbar bis 26.08.2022 WDR 5 Von Oliver Köhler


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Die frühere Spazierstrecke: Jetzt ein riesiges, braunes Loch

Ulrich Dunkel kann erst nach und nach begreifen, dass nun alles anders ist. Heute war er zum ersten Mal an der Abbruchkante, die einige Meter von seinem Haus entfernt an der Radmacherstraße ein großes Loch gerissen hat. Bagger schichten Sand und Kies auf, genau dort, wo er früher mit seinem elektrischen Rollstuhl an den Feldern spazieren gefahren ist. "Man kann sich das gar nicht vorstellen, dass das weggeschwommen ist, das Ganze. Wir konnten das auch in der Flucht-Nacht nicht sehen, weil ein Haus davor stand. Wenn ich gesehen hätte, was in dem Feld passiert ist, hätte ich vielleicht eher gesagt: wir müssen weg." Auch wenn es die beiden dann noch geschafft haben, zu fliehen, sitzt der Schock tief. Dazu kommt die Belastung durch die Sanierungsarbeiten.

In einer Grube aus Erde fährt ein Bagger

Im Krater wir ein neuer Abwasserkanal gebaut. Die Infrastruktur wurde durch das Hochwasser stark beschädigt.

Schäden von bis zu 80.000 Euro

Den Schaden an ihrem Haus schätzen die Dunkels auf bis zu 80.000 Euro. Es wird noch dauern, bis es wieder bewohnbar ist. Maria Dunkel: "Wir haben kein Wasser, keinen Strom, kein Gas, keine Heizung. Das wird auch noch ein bisschen dauern. Ich denke, dass wir vielleicht Weihnachten hier sein können." Ein Fest, das ihr besonders wichtig ist, sagt die 67-Jährige. Ob sie sich dieses Jahr darauf freuen wird, weiß sie noch nicht, sagt sie. Denn so wie in den Jahren davor – im Zuhause aus in den Jahren davor – wird es diesmal nicht werden.

Zwei Männer stehen vor einem geöffneten Sicherungs Kasten im Keller

Sohn Thomas Dunkel im Keller. Ein Elektriker hat seine Hilfe angeboten. Er will die kaputte Stromanlage reparieren- ehrenamtlich. Die Dunkels müssen nur die Materialkosten zahlen.

Stand: 26.08.2021, 12:46

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