Kreative Kulturen gegen die Krise

Kreative Kulturen gegen die Krise

Von Claudia Friedrich

Griechenland: Die Renten sind gekürzt, Medikamente kosten viel, Jobs fehlen. Hunderttausende verließen das Land. Doch es gibt auch welche, die eine andere Entscheidung treffen. Sie gehen und ziehen in Griechenlands Provinz. Ein Streifzug durch die Peloponnes.

Der Schriftsteller Petros Markaris in Athen

In seinen Krimis um den Athener Kommissar Kostas Charitos seziert Petros Markaris schonungslos die griechische Gesellschaft und das System. Seine Hoffnung gilt der, wie er sagt, Minderheit, den jungen Leuten, die im Land bleiben.

In seinen Krimis um den Athener Kommissar Kostas Charitos seziert Petros Markaris schonungslos die griechische Gesellschaft und das System. Seine Hoffnung gilt der, wie er sagt, Minderheit, den jungen Leuten, die im Land bleiben.

Einige von den jungen Leuten leben im Süden der Peloponnes, am westlichen der drei Finger, in Methoni, berühmt für die venezianische Burg und dem Burtzi, dem Kuppelturm am äußersten Ende des Südkaps.

Einen Steinwurf von der Burg entfernt steht seit den 1970er Jahren das Hotel Achilles. Die jetzige Inhaberin gab dem Hotel einen neuen Anstrich mit Naturfarben und Anbauten. Behindertengerechte Rampen setzen ein klares Zeichen in Sachen Inklusion.

Angeliki Lappa betreibt mit ihrem Freund das Hotel Achilles in Methoni (Messenien). Die studierte Innenarchitektin weiß, was das heißt, schließlich ist sie Tochter einer Hoteliere.

Das Hotel der Mutter von Angeliki Lappa steht im benachbarten Pylos, der Hauptstadt von Messenien. Vor ihrem Haus: die Bucht von Navarino. In dieser Bucht beginnt der dritte Gesang der Odyssee von Homer.

Die Bucht von Navarino war im Oktober 1827 Schauplatz einer blutigen Seeschlacht. Die europäischen Großmächte versenkten die Flotten des Sultans und seines ägyptischen Vizekönigs.

Sechs Kilometer nördlich von Pylos, ebenfalls in der Navarinobucht, liegt das kleine Dorf Gialova. Mitten im Zentrum betreibt Rea Sissimopoulou die Taverne Elia, der griechische Ausdruck für Olive.

Rea Sissimopoulous Vater ging von Methoni nach Athen. Seine Tochter ging von Athen zurück nach Messenien. In der Taverne Elia war sie zuerst Gast, jetzt ist sie Chefin.

Wie Homers Protagonisten Telemachos und Nestor begeben sich auch heute Reisende ins Landesinnere. Auf dem Hochplateau liegen die Ruinen eines fürstlichen Landsitzes, der in der Blütezeit der mykenischen Kultur entstand, Anfang des 14. Jahrhunderts vor Christus.

In Nestors Palast wurde produziert, verwaltet, regiert. Fakt ist, dass es Bäder gab. Fiktion ist, dass der Sohn des Odysseus sich in der Keramik-Wanne wusch, bevor er weiter gen Sparta reiste.

Die Kriegsschiffe der Spartaner ankerten im Naturhafen von Gythio. Ein Erdbeben zerstörte die antiken Zeugnisse der Stadt am Lakonischen Golf. Dafür schmiegen sich klassizistische Perlen an die Ausläufer des Taygetos-Gebirges.

Über dem Marktplatz von Gythio hängt das Banner einer neonazistischen Partei, der drittstärksten Partei Griechenlands: Chrysi Avgi - Goldene Morgenröte. Ein verstörendes Bild, zumal im Zweiten Weltkrieg deutsche Bomben auf Gythio fielen.

"Je extremer eine Gruppe ist, umso einfacher ist es, sich mit ihr zu identifizieren", sagt Sheila Darmos. Die Tochter einer Deutschen und eines griechischen Biobauern bewirtschaftet ein verwunschenes Stück Land bei Skala, rund 15 Kilometer nordöstlich von Gythio.

Johannes fuhr von Schweden nach Lakonien, auf den Bauernhof Silver Leaf. Er arbeitet beim Southern Light-Project mit, das Solar-Heizungen, Plastikrecycling-Maschinen und Biomassenverbrenner baut.

Im Familienbetrieb Silver Leaf entstehen Naturprodukte. In den 1970er Jahren setzte Sheila Darmos’ Vater den ersten Sämling, aus dem ein Biobauernhof erwuchs. Als er vor drei Jahren starb, trat Tochter Sheila sein Erbe an.

Natural Farming bedeutet Wachstum ohne Zusatzstoffe. Sheila Darmos setzt auf Syntropic Agriculture, regenerative Landwirtschaft, die dafür sorgt, dass die Erde mehr Kohlenstoff bindet als Menschen ihn ausstoßen.

Sheila Darmos gehört zu der Minderheit, in die der Schriftsteller Petros Markaris seine Hoffnung setzt. Die studierte Soziologin verließ Deutschland, um alternative Kulturen zu pflanzen - in der Provinz Griechenlands.

Stand: 09.11.2018, 10:41 Uhr