Zwei Männer, Kevin Grund und Nigash Sriranganathan, stehen mit Zetteln in der Hand in einer Schulklasse, hinter ihnen ist eine Präsentation zu sehen.

Haftbefehl statt Heinrich Heine: Wie Rap im Deutsch-Unterricht helfen soll

Köln | Füreinander

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Gedichte analysieren fällt vielen Schülern schwer - kann Deutsch-Rap da helfen? Beim Projekt "Rap auf Deutsch" an der Gemeinschaftshauptschule in Köln-Ossendorf helfen Kevin Grund und Nigash Sriranganathan Schülerinnen und Schülern, anhand von Songs Stilmittel zu erkennen und Texte richtig zu verstehen.

Von Janina Werner

Der Bass wummert durch das Klassenzimmer, aus den Boxen dröhnt die Stimme von Haftbefehl: "06-069", ruft der deutsche Rapper. "Was bedeutet das?", fragt Kevin Grund. Prompt hebt ein Schüler die Hand. "Er ist sehr stolz darauf." Eine Ziffernfolge, die Vorwahl von Frankfurt, als Zeichen der Heimatliebe. Es ist nur eins von vielen Stilmitteln, das die Schülerinnen und Schüler der Geimeinschaftshauptschule in Köln-Ossendorf beim Projekt "Rap auf Deutsch" mit der Hilfe von Kevin Grund und Nigash Sriranganathan analysieren.

Die beiden 22-Jährigen stehen nicht nur regelmäßig zusammen vor Schulklassen, die Freunde treffen sich auch oft in Chorweiler, ihrem Veedel. Dann tauschen sie sich etwa über ihr Studium aus. Grund hat Sport studiert, für ihn ist das etwas Besonderes, denn seine Eltern sind keine Akademiker: "Es ist gar nicht so selbstverständlich, akademische Ziele zu haben, wenn man aus Gegenden wie Chorweiler kommt."

Rap im Deutschunterricht in Köln

Lokalzeit aus Köln 09.02.2026 03:15 Min. Verfügbar bis 09.02.2028 WDR Von Janina Werner

In Köln-Chorweiler leben nach Angaben der Stadt viele einkommensschwache Familien, zahlreiche Nationen wohnen hier eng beieinander. Sriranganathan ist angehender Ingenieur. Seine Eltern stammen aus Sri Lanka. Während seiner Schulzeit konnten sie ihn nicht so gut unterstützen, weil sie selbst zunächst Deutsch lernen mussten.

Trotzdem gingen Grund und Sriranganathan ihren Weg und machten Abitur. Grund weiß aus eigener Erfahrung, dass Jugendliche gerade aus dem Stadtteil mehr Unterstützung brauchen: "Ich bin selber hier aufgewachsen, deshalb weiß ich, welche Hürden es für die Kinder gibt. Es mangelt gar nicht an Talent, sondern eher an Unterstützung - daran, dass sie gesehen werden. Dass Türen geöffnet werden und alle Kinder Chancengleichheit erfahren dürfen." Heute geben beide Jugendlichen in ähnlichen Situationen Nachhilfe und versuchen, sie zu fördern.

"Rap auf Deutsch": Mit Musik Sprache lernen

Und sie engagieren sich bei "Rap auf Deutsch", ein freiwilliges Zusatzangebot zur regulären Deutschnachhilfe. Ziel des Projekts ist es, das Leseverständnis, den Wortschatz und die Fähigkeit zur Textanalyse zu verbessern. Die Teilnehmenden besuchen die 9. und 10. Klasse.

An diesem Tag sind viele Schüler gekommen, um mit Grund und Sriranganathan nach Stilmitteln in Haftbefehls "069" zu suchen und den Songtext zu analysieren. Almir ist überrascht: "Ich wusste gar nicht, dass der Text so deep ist." Auch Gabriel, der ihm schräg gegenüber sitzt, stellt fest: "Hier habe ich auf jeden Fall viel mehr gelernt als im Deutschunterricht. Da bin ich nicht so aufmerksam."

Mehr Aufmerksamkeit durch Lebensnähe

Während der gesamten Stunde arbeiten die Schülerinnen und Schüler konzentriert mit und melden sich oft. Grund und Sriranganathan wissen, dass es in den Texten von Künstlern wie Haftbefehl auch um frauenverachtende Inhalte, Drogen und Gewalt geht. Gleichzeitig betonen sie, dass die Jugendlichen diese Musik ohnehin hören - und dass es sinnvoller sei, die Inhalte gemeinsam kritisch zu reflektieren.

Kevin Grund und Nigash Sriranganathan sitzen nebeneinander auf einer Bank

Kevin Grund und Nigash Sriranganathan leben in Chorweiler

Sie beobachten, dass die Schüler deutlich aufmerksamer sind, wenn die Themen ihre eigene Lebensrealität betreffen, anstatt ausschließlich klassische Gedichte zu analysieren. Das Projekt soll noch in diesem Jahr auf zwei weitere Kölner Schulen ausgeweitet werden.

Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit Köln, 09.02.2026, 19.30 Uhr.